AKN-Schienenbusse unterwegs auf vorerst letzter großer Fahrt

Auch das Wetter schien Trauer zu tragen: Dichter Nebel hing über den Kreisen Segeberg und Pinneberg, als die Uerdinger-Schienenbusse am Sonntag ihre letzten Fahrten für die AKN absolvierten.
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Noch vor den offiziellen Fahrten am Sonntag, ging es für geladene Gäste bis nach Barmstedt. Start: Henstedt-Ulzburg (wo dieses Foto am Morgen entstand)
Foto: Florian Büh

Die vorerst letzten Fahrten der „Uerdinger Schienenbusse” (VT 3.08 und VT 3.09) nördlich von Hamburg sorgten – wohl nicht nur, weil die Fahrten auf der AKN-Linie A3 kostenfrei waren – für einen Besucherandrang. Bahnsteige und Züge zwischen Henstedt-Ulzburg und Elmshorn waren voller Menschen.

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Reichlich Andrang und volle Züge bei der vorerst letzten Fahrt des “Uerdinger” auf der Linie A3 der AKN zwischen Henstedt-Ulzburg und Elmshorn. Florian Büh

„Ihren Namen haben die Uerdinger Schienenbusse Dank des Ortes, an dem sie gebaut wurden: Krefeld Uerdingen“, erklärt Wolfgang Seyb gestern auf einer Sonderfahrt durch die Kreise Segeberg und Pinneberg. Seyb ist Geschäftsführer der AKN, die Besitzer der Schienenbusse ist. Noch. „Die AKN Eisenbahn GmbH hat sich nämlich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, die beiden Oldtimer-Fahrzeuge abzugeben. Idealerweise an einen Eisenbahn-Verein aus Schleswig-Holstein, der sich auf Sonderfahrten spezialisiert hat“, so Wolfgang Seyb.

Barmstedt, Uerdinger Schienenbus, VT 3.08, VT 3.09
Bei den (seltenen) Fahrten mit den Uerdingern waren regelmäßig viele Menschen dabei – so auch bei den letzten Touren für die AKN am 1. Dezember 2019. Florian Büh

“Schwerer Schritt” bringt Abschiedsfahrten am 1. Advent

„Der Schritt ist uns sehr schwergefallen. Beide Schienenbusse sind besonders gepflegt und unsere Mitarbeiter hängen an ihnen. Doch wir machen insgesamt zu selten Sonderfahrten und nehmen damit zu wenig ein. Es gehört einfach nicht zu unserem Kerngeschäft. Uns ist aber wichtig, dass diese eisenbahnhistorischen Modelle erhalten bleiben.“ Verschiedene Aspekte wie personeller Aufwand, Werkstatt- und Abstellkapazitäten hätten dazu geführt, dass Wirtschaftlichkeit und Nostalgie gegeneinander abgewogen werden mussten. „Das ist immer schwierig“, so Seyb.

AKN-Chef Wolfgang Seyb gestern Vormittag nach einer Pressefahrt am Haltepunkt Barmstedt Brunnenstraße. Anschließend begannen die öffentlichen Abschiedsfahrten.
AKN-Chef Wolfgang Seyb gestern Vormittag nach einer Pressefahrt am Haltepunkt Barmstedt Brunnenstraße. Anschließend begannen die öffentlichen Abschiedsfahrten. Florian Büh

Der Triebwagen VT 3.08 (Fabriknummer 68640 mit zuletzt 41 Sitzplätzen) wurde 1961, VT 3.09 (Fabriknummer 72837 mit 56 Sitzmöglichkeiten) im Jahr 1967 durch die Waggonfabrik Uerdingen AG gebaut. Beide verkehrten nach Indienstnahme für die EBOE, die Elmshorn-Barmstedt-Oldesloer Eisenbahn, zwischen Elmshorn und Bad Oldesloe. 1981 wurde die EBOE in die AKN aufgenommen, die „Uerdinger“ gleich mit. Bis 1993 waren die beiden gestern gestern verabschiedeten Fahrzeuge auf den Schienen der AKN-Linie A3 zwischen Ulzburg-Süd und Elmshorn täglich unterwegs, danach nur noch gelegentlich für Sonderfahrten – auf unterschiedlichen Strecken.

Seit 1993 nur noch Sonderfahrten – zu wenig Geld verdient

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Letzte Fahrt am Tresen – auch für Mitarbeiter der AKN war die Inneneinrichtung ein echter Hingucker und etwas ganz besonderes an Bord des VT 3.08 Florian Büh

Beide historischen Schienenbusse verfügen über ein WC, der VT 3.08 hat neben einer Toilette sogar einen großen Bartresen eingebaut bekommen. Dennoch fuhren die Waggons „trotz vieler Aktionen, jährlich ein Minus ein“, so die AKN. Doch ein Verschrotten kam augenscheinlich für die Verantwortlichen nie in Frage. Wohl auch, weil es sich beim Uerdinger Schienenbus VT 3.09 um eines der letzten Modelle handelt, die für den deutschen Markt gefertigt wurden. Das berichtet auch Jens Heinitz auf seiner Homepage.

WC, Toilette, Uerdinger, Schienenbus
Ein WC im Uerdinger – die neuen Besitzer werden sich auch über das besondere “Stille Örtchen” freuen können. Florian Büh

Stilles Örtchen – im Schienenbus mit Bartresen

Nun, am 1. Dezember 2019, war es dennoch soweit: Die letzten AKN-Fahrten für die beiden zusammengekuppelten Schienenbusse standen an. Zur Freude vieler Fahrgäste ging es den ganzen Tag kostenfrei im Pendelbetrieb zwischen Henstedt-Ulzburg, Barmstedt und Elmshorn. Am Abend dann ein letzter Abstecher nach Kaltenkirchen. Dort verschwanden beide Schienenbusse im AKN-Depot – vermutlich bis zur Übergabe an einen Verein.

Barmstedt, Kreis Pinneberg, Zug, VT 3.08, VT 3.09
Barmstedt im Kreis Pinneberg – sieben nach elf am Morgen: Ein Zug – in diesem Fall der VT 3.08 und VT 3.09 – wird kommen! Florian Büh
Abschiedsfahrten der Oldtimer-Schienenbusse bei der AKN am 1. Dezember 2029 in Henstedt-Ulzburg
Abschiedsfahrten der Oldtimer-Schienenbusse bei der AKN am 1. Dezember 2019 in Henstedt-Ulzburg Florian Büh

Zuvor wurden aber viele Interessierte an die AKN-Strecke gelockt. Trotz oder gerade wegen der eisigen, winterlichen Temperaturen. „Wir wollten damit auch den Menschen, die zu den Weihnachtsmärkten fahren, eine Freude machen“, so Wolfgang Seyb. Mitten durch den ganztägigen Nebel bahnten sich so die Schienenbusse ihre Wege, die zu ihren vorerst letzten AKN-Fahrten wurden: „Es wird voll werden“, prophezeite auch Triebfahrzeugführer Jörg Wienhold schon vor der ersten offiziellen Fahrt.

Triebfahrzeugführer, Jörg Wienhold, viele Fahrgäste
Triebfahrzeugführer Jörg Wienhold, ist seit 1986 bei der AKN beschäftigt und seit fast 30 Jahren auf der Schiene – er fühlte sich bei den letzten Fahrten der Schienenbusse sichtlich wohl und war umringt von vielen Fahrgästen. Florian Büh
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Seit 1986 ist der 58-jährige Jörg Wienhold bereits bei der AKN. „Seit 1990 auf der Schiene“, beschreibt er. Er mag den Uerdinger, weil „alles handgemacht ist. Es gibt keine Automatik. Es gibt nur einen Handschalter. Wer ein Auto ohne Servolenkung, ohne ABS kennt, der weiß wovon ich spreche und warum ich das mag. Wer das fahren kann, kann wirklich fahren.“ In einen Eisenbahn-Verein will er jedoch nicht eintreten, um den Schienenbus auch später noch fahren zu können: „Es gibt ein Leben neben der Schiene“, findet er. Florian Büh

Jörg Wienhold lies es sich so auch nicht nehmen – gemeinsam mit einem Kollegen – „seine Uerdinger“ den gesamten Tag zu fahren. Morgens begaben sich einige geladene Gäste, wie die Bürgermeisterinnen Heike Döpke (Barmstedt) und Katrin Schrade (Bokholt-Hanredder) bereits von Henstedt-Ulzburg bis zum Halt Barmstedt-Brunnenstraße.

Nur eine handvoll Mitarbeiter können die Schienenbusse noch fahren

So viele Interessierte, wie sich den ganzen Tag über in den Zügen drängten, so wenige Mitarbeiter der AKN dürfen die Schienenbusse überhaupt noch fahren: „Eine Handvoll Mitarbeiter bei uns können sie bedienen und wissen wo die Sicherungen, wo die Hebel zum Absperren sind. Wären die Beiden bei uns geblieben, hätte ich mein Wissen natürlich an einen Nachfolger weitergegeben. Aber das hat sich ja nun erledigt“, sagte Jörg Wienhold wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Vertreter Fahrgastverband Pro Bahn, Stefan Barkleit, Birger Wolter, Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann
Auch der Fahrgastverband „Pro Bahn“ war mit mehreren Vertretern an Bord (auf dem Foto von links nach rechts): Stefan Barkleit, Birger Wolter und der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann. Florian Büh
Jörg Wienhold fuhr den VT 3.08 fast drei Jahre lang im Regelbetrieb und später noch bei Sonderfahrten. Auch der dichte Nebel bei den letzten AKN-Touren des Schienenbusses, während des Pendelbetriebes zwischen den Kreisen Pinneberg und Segeberg, störte den Triebfahrzeugführer nicht. Florian Büh

 

Uerdinger Schienenbus, 1967, AKN-Triebwagen VTA, 1993 Bahnhof, Barmstedt
Ein alter Uerdinger Schienenbus von 1967 und ein AKN-Triebwagen VTA von 1993 stehen sich am Bahnhof Barmstedt gegenüber. Florian Büh
Typenblatt des Uerdinger-Triebwagen 3.08 der AKN
Typenblatt des Uerdinger-Triebwagen 3.08 der AKN AKN
Typenblatt des Uerdinger-Triebwagen 3.09 der AKN
Typenblatt des Uerdinger-Triebwagen 3.09 der AKN AKN

An wen die historischen Züge gehen sollen und zu welchen Konditionen, ist offiziell noch nicht entschieden. Auch der Zeitpunkt soll noch nicht feststehen. (büh)

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8 Antworten auf „AKN-Schienenbusse unterwegs auf vorerst letzter großer Fahrt“

ich habe in den siebziger und achtziger Jahren in Norderstedt und Henstedt Rhen gewohnt und ich kann den Enthusiasmus über diese Fahrzeuge nicht teilen: Stinkend nach Diesel, so laut, daß man sich nicht unterhalten konnte, im Winter kaum beheizt bzw. beheizbar…ne Danke, es war ein wirkliche Erleichterung als die Schrotthaufen aus dem Verkehr gezogen wurden.

Aber sie sehen sehr schön aus. Beim Tag der offenen Tür vor ein paar Jahren im Betriebswerk Ohlsdorf stand ein wunderschön restaurierter Uerdinger Schienenbus. Naja, letztendlich ist es nicht anders als wie bei den 471ern der S-Bahn. Schöne Wagen, alte Technik, aber laut und rumpelnd wie die Sambawagen der Straßenbahn damals 🙂 Ich habe die 471er gemieden, wenn es ging. Allerdings hatten sie weniger Türstörungen als die 490er *räusper*.

Ich sehe es, es ist ganz kurz.
Kleiner Tipp: Evtl. mal die Browser-Einstellungen überprüfen.

Ansonsten freue ich mich über den SPD-Entscheid 🙂
Es scheint sie also doch noch zu geben: die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Und ich dachte bisher, dass es nur die Seeheimer Partei Deutschlands oder die Scholzische Partei Deutschlands oder was auch immer gäbe. (Aber bitte nicht wieder mit dem Omnibus nach Hamburg zurück kommen, um hier wieder Autolobbypolitik zu machen.)

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