Bahn-Reaktivierung in Geesthacht: „So weit waren wir noch nie“

Nach jahrelangem Stillstand kommt neue Fahrt in die geplante Reaktivierung einer alten Bahnlinie zwischen Hamburg-Bergedorf und Geesthacht. So sieht der aktuelle Planungsstand aus, diese Schritte stehen jetzt an, deswegen wird aus dem Projekt doch keine Straßenbahn in Bergedorf und dieses Detail könnte noch zu einem großen Problem bei der Wiederaufnahme des Bahnverkehrs werden.
Christian Hinkelmann
Der Bahnhof Geesthacht im Sommer 2016 mit einem Sonderzug der AKN. Hier sollen die Züge aus Bergedorf künftig enden.
Der Bahnhof Geesthacht im Sommer 2016 mit einem Sonderzug der AKN. Hier sollen die Züge aus Bergedorf künftig enden.
Foto: Christian Hinkelmann

Vor knapp 70 Jahren fuhr der letzte reguläre Personenzug zwischen Hamburg-Bergedorf und Geesthacht – seitdem liegt der alte Gleisanschluss der 35.000-Einwohner-Stadt am Elbufer weitgehend brach. Nur selten verirren sich mal einzelne Museumsbahnen und Güterzüge zum ehemaligen Kernkraftwerk Krümmel auf die Strecke. Das AKW war bisher der wesentliche Grund dafür, dass die Strecke überhaupt noch existiert.

Geesthacht ist somit die größte Stadt Schleswig-Holsteins ohne einen Nahverkehrsanschluss auf der Schiene. Allerdings gibt es seit einigen Jahren Diskussionen und Pläne, den Personenverkehr auf der alten Strecke zu reaktivieren. Die Lokalpolitik in Bergedorf und Geesthacht will ihn mehrheitlich und im Sommer 2016 hatte die AKN, die das Gleis betreibt, sogar schon Schnupperfahrten mit einem modernen Dieseltriebwagen angeboten, um den Menschen entlang der 14 Kilometer langen Strecke den Bahnverkehr schmackhaft zu machen.

2017 ließ Schleswig-Holstein dann eine Machbarkeitsstudie anfertigen, die allerdings erst mit drei Jahren Verspätung fertig wurde – mitten im Corona-Wirbel, was die Veröffentlichung noch einmal um fast ein weiteres Jahr verzögerte. Sowieso drängte sich der Verdacht auf, dass es Hamburg und Schleswig-Holstein bei der Sache nicht allzu eilig hatten. „Unser Eindruck war, dass die Verwaltung in Hamburg die Reaktivierung der Bahnstrecke Bergedorf –­ Geesthacht in den vergangenen Jahren nicht sonderlich ernst genommen hat“, erinnert sich Gerhard Boll im Gespräch mit NAHVERKEHR HAMBURG.

Boll leitet für die Grünen in Geesthacht den Stadt- und Verkehrsplanungsausschuss und setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass bald wieder Nahverkehrszüge in die kleine Elbuferstadt fahren. Ein Blick in alte Ausschussunterlagen bestätigt seinen Eindruck. So gab die Hamburger Verkehrsbehörde im Jahr 2015 gegenüber dem Bezirk Bergedorf beispielsweise zu Protokoll, dass sie den bestehenden Busverkehr parallel zur Bahnstrecke zwischen Bergedorf und Geesthacht für völlig „ausreichend“ hält und „keinen akuten Handlungsbedarf für eine Schienenanbindung“ sieht. Man spielte den Ball ans Nachbarbundesland: Die Initiative müsse schon aus Schleswig-Holstein kommen, so die Behörde.

Ex-Verkehrsminister war nicht als Fan des Projekts bekannt

Doch auch dort war das Interesse überschaubar. Schleswig-Holsteins ehemaliger Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD; bis 2017) schob zwar die besagte Machbarkeitsstudie an…

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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6 Antworten auf „Bahn-Reaktivierung in Geesthacht: „So weit waren wir noch nie““

Es muss unbedingt eine neue Kosten-Nutzen Studie erstellt werden. Die Alte Machbarkeitsstudie ist nicht mehr aktuell. Die Preise für Bauleistungen sind jetzt so stark gestiegen, siehe U5 in Hamburg, dass eine neue Machbarkeitsstudie negativ ausfallen würde!

Vielen Dank für die verdienstvolle Zusammenstellung der unterschiedlichen Positionen zu dem Thema Reaktivierung der Bahnstrecke Geesthacht – Bergedorf. Traurig ist, dass zu einem im Prinzip einfachen Projekt soviel abwegiges (Durchbindung zum Hauptbahnhof) zu Papier gebracht wird, nur um zusätzlcihes Hindernisse für das Projekt aufzutürmen und die nicht informierte Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Dabei ließe sich die Strecke mit relativ geringem Aufwand als Straßenbahn reaktivieren. Diese hätte einfachere Bau- und Betriebsstandards und niedrigere Betriebskosten zur Folge. Auch könnte der Übergang von der Straßenbahn, die im Straßenraum der Bergedorfer Straße verbliebe, zur S-Bahn am S-Bahnhof Bergedorf ohne größere Baumaßnahmen einfacher gestaltet werden. Zudem würde es die Fortführung als Straßenbahn entlang der Bergedorfer Straße über die Klinik Boberg, und Lohbrügge bis zum U-Bahnhof Mümmelmannsberg ermöglichen und die Befüllung der U-Bahnlinie vom ösltichen Ende her verbessern. So könnte man die Straßenbahn an einem Hamburger Randgebiet auf ihre Leistungsfähigkeit testen, ohne das Mantra der Hamburger Poltik, “Straßenbahnen sind stählerne Ungetüme” direkt herauszufordern. Straßenbahnen haben zudem einen ökologisch sinnvollen Antrieb, ohne dass man auf der Fahrzeugseite neue kostspielige Experimente eingehen muss. Alles was für die Reaktivierung der Strecke als Straßenbahn benötigt wird, kann aus Großserienprodukten genommen werden. Aber leider gilt wieder das Credo der Hamburger Verkerhspolitik: warum einfach, wenn es auch kompliziert geht!

Der Begriff Straßenbahn war für das was in Bergedorf geplant wird immer schon missverständlich. Unter die Betriebsordnung für Straßenbahnen (BOSTRAB) fällt vieles was mit den Begriffen Straßenbahn, Tram, Stadtbahn. U-Bahn oder Stadt-Regionalbahn bezeichnet ist. In der Straße wird das nur noch vereinzelt neu gebaut – typisch sind oberirdische und unterirdische eigene Bahnkörper (gerne auch mit Rasengleis) mit und ohne Kreuzungen mit dem Straßenverkehr. Diese Ordnung ist flexibler als die Eisenbahn-Betriebsordnung aber auch in einigen Punkten wie Geschwindigkeit auch eingeschränkter. In Bergedorf wird der Unterschied zur Eisenbahn vermutlich nur bei genauem Hinsehen erkennbar sein!

Schön, dass sich da mal wieder was tut und zumindest etwas politischer Wille da ist. Bleibt sehr zu hoffen, dass die allgegenwärtigen Nimbys und die Hamburger Autogeilheit dem Projekt nicht den Garaus machen…
(Hoffentlich wird jetzt nicht die U2 in Lokstedt boykottiert, wenn da jemand begreift, dass rechtlich gesehen eine Rumpelbahn durch die Tunnel düst)

Danke für die Blumen, aber das ist bekannt. Die Wuppertaler Schwebebahn ist ja auch eine Straßenbahn besonderer Art. Andererseits gibt’s in Deutschland einige Städte, die “U-Bahn” schreiben, obwohl sie gar keine haben. Alles nicht so einfach. 🙂

Die Nimbys haben sich ja bereits in Geesthacht formiert. Und Individualverkehr, nunja, wenn das Zitat korrekt ist (leider wird es oft als Synonym für Autoverkehr genutzt), dann betrifft dies auch Rad- und Fußverkehr.

Die einfachste Variante wäre ein Straßenbahnring in Bergedorf, abgehend vom Bf Bergedorf Süd – Vierlandenstraße – Block House/CCB – Bahnhofsvorplatz Südseite – Bergedorfer Hafen – Vierlandenstraße – Bf Bergedorf Süd, der abwechselnd mit der Durchbindung nach Nettelnburg/Hbf betrieben werden könnte (oder in Bgf-Süd flügeln).

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