Datenaktivisten zählen Corona-Infizierte in Berliner U-Bahn

Bis heute gibt es keine Zahlen, wie viele Corona-Infizierte tagtäglich im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind. Eine Gruppe von Datenaktivisten hat jetzt mit selbstgebauten Messgeräten eine eigene Zählung durchgeführt. Die Technik ist simpel und kostet nur wenige Euro. Ein Interview über Beweggründe und Ergebnisse.
Von Christian Hinkelmann
Ein U-Bahn-Zug der BVG am Berliner Hauptbahnhof
Ein U-Bahn-Zug der BVG am Berliner Hauptbahnhof
Foto: Christian Hinkelmann

Wie hoch ist das Risiko, dass in der Bahn oder im Bus auf dem Nachbarsitz ein mit Corona infizierter Fahrgast sitzt?

Auch knapp ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie ist diese Frage in Deutschland noch immer unbeantwortet. Bis heute ist noch nicht untersucht worden, wie viele Infizierte tagtäglich im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind, die möglicherweise andere Fahrgäste anstecken könnten.

Zwar gibt es eine Umfrage des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem vergangenen Sommer, in der Gesundheitsämter befragt wurden, ob ihnen im Rahmen der Kontaktnachverfolgung jemals Fälle aus dem ÖPNV gemeldet wurden. Doch die Antworten der Ämter waren unvollständig und basierten auf dem Erinnerungsvermögen Betroffener (siehe hier).

Auch das Robert-Koch-Institut konnte bislang keine dezidierten Zahlen liefern und erklärte in einem Epidemiologisches Bulletin im vergangenen September lediglich, dass sich Ausbrüche im Bahnverkehr „nur schwer ermitteln“ ließen, „da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar“ sei (siehe hier).

Kleine selbstgebaute Messgeräte im Berliner Untergrund

Dass so eine Erfassung von Infiziertenzahlen im ÖPNV durchaus möglich und offenbar auch kostengünstig sein könnte, hat jetzt eine Gruppe von Datenaktivist:innen aus Berlin und Ulm versucht, zu beweisen.

Dazu haben die jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, die als Kollektiv unter dem Namen “Zerforschung” agieren und sich für Verbesserungen im nachhaltigen Nahverkehr engagieren, mit kleinen selbst gebauten Messgeräten tagelang in der Berliner U-Bahn Corona-Infizierte gezählt. Dabei nutzen sie ganz einfach eine Funktionalität der offiziellen Corona-Warn-App. Der technische Aufwand für das anonyme Zählungen war minimal. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wussten davon nichts.

Wie viele Corona-Infizierte die Gruppe tatsächlich erfasste, wie aussagekräftig die Zahlen sind, warum sie ihre Erkenntnisse nun mit Verkehrsbetrieben teilen möchte und mit welchen technischen Lösungen sie den ÖPNV in der Corona-Krise weiter voranbringen will, erklärt sie im NAHVERKEHR HAMBURG-Interview.  

NAHVERKEHR HAMBURG: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, in der Berliner U-Bahn auf eigene Faust Corona-Fälle zu zählen?

Die Zerforscher: Auslöser war, dass ein Bekannter von uns sein Smartphone mit der Corona-Warn-App für eine gewisse Zeit auf seine Fensterbank gelegt hatte, um zu sehen, wie viele Menschen ebenfalls mit dieser App unter auf der Straße vorbeilaufen, die später positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Das brachte uns auf die Idee, so etwas auch einmal in der Berliner U-Bahn auszuprobieren, um einmal in der Praxis zu überprüfen, ob der öffentliche Nahverkehr wirklich so sicher ist, wie die Verkehrsunternehmen immer gern behaupten. Die ÖPNV-Branche hat da aus unserer Sicht in den vergangenen Monaten ein fragwürdiges Bild gezeichnet, denn bei einem Großteil der Corona-Infektionen kann bis heute gar nicht nachvollzogen werden, wo sie genau stattgefunden haben. Deswegen gibt es auch noch keine verlässlichen Daten, welchen tatsächlichen Anteil der ÖPNV daran haben könnte.

NAHVERKEHR HAMBURG: Was habt ihr dann konkret gemacht?

Die Zerforscher: Wir haben überlegt, wie wir das Fensterbank-Experiment auf die Berliner U-Bahn übertragen können, denn da sind die Herausforderungen ja ganz anders. Überall in den Zügen Smartphones mit der Corona-Warn-App auszulegen, wäre viel zu teuer gewesen. Außerdem zeigt die App ja nicht den genauen Zeitpunkt von Risikobegegnungen an. Dazu kommt, dass die Akkus in einem Smartphone höchstens zwei Tage halten ­– viel zu wenig für unser Experiment, bei dem wir deutlich länger Daten erfassen wollten. Deswegen haben wir kleine Mikrocontroller genutzt – winzig kleine Computer, die ungefähr so groß wie ein Daumennagel sind. An diese Controller haben wir handelsübliche Batterien gehängt. Damit kamen wir auf ungefähr zehn Tage Akkulaufzeit. Ein Controller inklusive Batterien war am Ende nicht größer als eine Zigarettenschachtel. Die Kosten für die gesamten Hardware lagen pro Stück unter 8 Euro. 

NAHVERKEHR HAMBURG: Wie hat das technisch funktioniert?

Die Zerforscher: Die Corona-Warn-App funktioniert ja im Grunde so, dass sie regelmäßig Bluetooth-Signale aussendet, die sich aber alle 15 Minuten ändern, damit sie aus Datenschutzgründen nicht rückverfolgbar sind. Das heißt: Jedes Smartphone, dass diese App installiert hat, sendet jede Viertelstunde eine andere Zufallszahl aus. Wenn nun eine infizierte Person positiv auf Corona getestet wurde und diesen Testbefund in ihre App eingibt, werden alle Zufallszahlen, die ihre App in den vergangenen Tagen ausgesendet hat, auf einen Server des Robert-Koch-Instituts hochgeladen. Diese „Infizierten-Zahlencodes“ laden sich dann alle anderen Apps herunter und vergleichen sie mit den Codes, die sie selbst in den vergangenen Tagen von Menschen in der Nähe empfangen haben. So erfahren die Smartphone-User, ob eine infizierte Person in ihrer Nähe war. Sie erfahren aber nicht, wann und wo das passierte. 

Wir hab…

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3 Antworten auf „Datenaktivisten zählen Corona-Infizierte in Berliner U-Bahn“

Wirklich sehr schön, die Idee, denn sie zeigt, was alles möglich ist, wenn man nur will und sich ein kluges Konzept überlegt.

Das Ergebnis der Messungen ist so natürlich noch nicht aussagekräftig, da eben unklar ist, ob die Ansteckungsrate in der Bahn höher ist. Aber das erkennt das Kollektiv ja auch selber. Man müsste also schauen, welche Smartphones in der U-Bahn Kontakt zu Coronainfizierten hatten UND danach selbst eine Coronainfektion gemeldet haben. Allerdings müsste man hier wohl mit komplexeren Geräten arbeiten, da sie ja auch Daten empfangen können müssten (sprich, die CoronaApp müsste in vollem Umfang laufen.
Dann müsste man Kontrollmessungen durchführen, um herauszufinden, ob der Anteil an Positivmeldungen nach einer U-Bahn-Fahrt höher (oder niedriger) ist als an anderen Orten, wo man ebenfalls Geräte installiert. Wobei, man könnte evtl. auch einfach vergleichen, ob der Anteil überdurchschnittlich ggü. den Gesamtpositivmeldungen aller Appnutzer ist.

Finde den Ansatz auch sehr interessant. Wobei ich vor allem die genannte Möglichkeit zur Messung der aktuellen Auslastung der Züge spannend finde. So könnte man noch “smarter” ausgelastet Busse und Bahnen vermeiden.
Ob es nun aber im ÖPNV gefährlicher ist als an anderen Orten? Ich glaube ehrlich gesagt nicht. Grundsätzlich gilt doch sicher, dass sich bei vielen Personen auf kleinem Raum und das auch noch auf längere Zeit das Risiko auf Ansteckung erhöht. Und das kann bei der Bahn, im Bus, in einer Menschenmenge auf offener Straße, im Supermarkt, im Büro und auch bei Airbus in der Halle passieren. Und sind da nun die Verkehrsbetriebe besonders Träge? Das wäre im Vergleich auch eine steile These. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jetzt beispielsweise Lidl eine große Messkampagen startet, dass das Gastrogewerbe jetzt mal dem Problem auf den Zahn fühlen möchte und Ansteckungen in Restaurant überprüfen wollte. Ganz schlimm: Die Luftfahrtbranche setzte sogar falsche Behauptungen in den Raum, dass die Ansteckung selbst in vollen Flugkabinen quasi nicht existent ist. Also sollte man jetzt nicht nur allein den ÖPNV besonders kritisch beäugen, denn im schlechten Fall erschafft man Legenden über den unsicheren Raum ÖPNV.

01.02.2021_Der Bericht ist interessant, aber es gibt eigentlich nichts Neues.
Denn, egal ob in der Bahn, im Bus, in der Straßenbahn (Hamburg braucht wieder eine und keine U5 ) oder auf dem Bahnhof im Presseladen oder bei Lidl unten im Bahnhof Altona.
Du begegnest Menschen und natürlich auch Menschen mit +C, die es aber noch nicht wissen.
Also ist Maske OK und wichtig und Abstand und Vorsicht.
Viel spannender wird die Frage sein, was wird nach Corona sein?
Brauchen wir noch die starke Schiene, den besseren ÖPNV, in HH eine Tram, einen modernisierten Hauptbahnhof und einen modernisierten Bahnhof Altona statt eine Hundehütte-Bahnhof Diebsteich, eine 2.Elbquerung eine S32 nach Osdorf oder auch ein Tram nach Osdorf?
Wird der Staat und unsere Stadt nach Corona weiter umsteuern und weniger in die Straße investieren und erheblich mehr in die Schiene?
Da werden viele wichtige Verkehrs-Inis für die starke Schiene notwendig sein.
Die Autolobby und ihre Autokonzerne sind sehr stark und jetzt mit dem Argument „Auto ist C-sicher“ den Corona-sichern E-PKW absetzen und dafür die notwendigen Straßen natürlich haben.
Diese Auseinandersetzung wird auch in HH stattfinden.
Zur Zeit ducken sich die Bahnprotagonisten ziemlich weg: Der lachende Verkehrssenator Herr Anjes Tjarks, der aber jetzt schon sehr ernst schaut, der Finanzsenator Herr Dr. Andreas Dressel aber vor allem der Bürgermeister.
Denn Nach-Corona bedeutet: Ein Diskussion gegen die schwarze Null, gegen eine “dümmliche” Schuldenbremse zu bestehen

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