Deswegen läuft der Bahnverkehr im Norden so extrem unzuverlässig

Drei Bahnunternehmen - drei Probleme: AKN, Metronom und der neuen Anbieter Erixx Holstein sorgen mit Massenausfällen und schlechter Störungskommunikation für viel Fahrgast-Frust kurz vor Weihnachten. Das sind die Hintergründe und so lange werden Bahnfahrten dort noch einem Roulettespiel gleichen.
Christian Hinkelmann
Menschen warten bei Schnee und Eis auf einen Metronom-Zug.
Menschen warten bei Schnee und Eis auf einen Metronom-Zug.
Foto: Christian Hinkelmann

Bahn-Fahrgäste im Norden sind Kummer gewohnt. Aber das, was sich aktuell beim Regionalverkehr in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen abspielt, ist beispiellos: Massenausfälle, Verspätungen – und ein Informationschaos, das die Situation noch viel schlimmer macht.

Besonders betroffen sind die Unternehmen AKN, Metronom und die neue Bahngesellschaft Erixx Holstein. NAHVERKEHR HAMBURG hat bei den Verantwortlichen nachgefragt und erklärt, was dort derzeit schief läuft, warum die Fahrgastinformation nicht richtig funktioniert und wann sich die Situation wieder bessern soll.

Mehr als 200 AKN-Ausfälle in zehn Tagen

Jahrzehntelang war die AKN ein Garant für Zuverlässigkeit im Norden. Mit Pünktlichkeitswerten von bis zu 99 Prozent ließ das kleine Bahnunternehmen aus Kaltenkirchen seine Mitbewerber in Hamburg und Schleswig-Holstein oft alt aussehen.

Doch seit dem Frühsommer ist der Wurm drin: Fast täglich fallen zig Verbindungen. Allein zwischen 8. und 17. Dezember fanden laut AKN-Website mindestens 207 Zugfahrten nicht statt. Das sind im Schnitt täglich mehr als 20 Ausfälle. AKN-Sprecherin Maren Brandt erklärte auf NAHVERKEHR HAMBURG-Nachfrage, dass seit Anfang November weniger als drei Prozent aller Fahrten ausgefallen seien. Das entspricht durchschnittlich rund 12 ausgefallene Fahrten täglich über einen Zeitraum von sechs Wochen.

Für Fahrgäste besonders ärgerlich ist die Informationspolitik: Die Ausfälle wurden meist nur mit wenigen Stunden, bzw. maximal mit einem Tag Vorlauf auf der AKN-Website veröffentlicht – und zwar in einer ziemlich unübersichtlichen Art und Weise.

In den sozialen Netzwerken, wie Twitter, informiert die AKN gar nicht über die Ausfälle und auch auf der HVV-Website wurden die gestrichenen Fahrten bisher nur lückenhaft erwähnt. Bei mehreren Stichproben von NAHVERKEHR HAMBURG in der vergangenen Woche zeigt die HVV-Fahrplanauskunft AKN-Fahrten an, die in der Realität gar nicht fuhren. Es gab lediglich einen allgemeinen Hinweis, dass einzelne Zugfahrten auf der Strecke ausfallen könnten – ohne dabei konkrete Fahrten zu nennen. Offensichtlich übermittelt die AKN ihre Echtzeitdaten nicht zuverlässig an den Hamburger Verkehrsverbund, sodass die Ausfälle in der HVV-App nicht korrekt angezeigt werden.

Dem HVV ist das Problem bekannt: “Die ausfallenden Fahrten kommen nur teilweise tatsächlich …

Hat Sie der Artikel weitergebracht?

Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

Auch interessant

Weihnachtsstimmung und HVV-Busse am Hamburger Rathausmarkt.

Best of 2022: Das waren unsere beliebtesten Artikel des Jahres

Dorf-U-Bahn, Radikalkur im HVV, Bahn-Stilllegung und Überlebenstraining am Straßenrand: Das waren die beliebtesten, meist diskutierten und am höchsten bewerteten Geschichten des Jahres über Mobilität in Hamburg. Stöbern Sie mit uns in den Highlight-Stories.

Eine der neuen provisorischen Treppen von der Steintorbrücke zu den Bahnsteigen am Hamburger Hauptbahnhof.

Provisorische Treppen am Hauptbahnhof: Verpasste Aufstiegschance

Der Bau von fünf provisorischen Fußgängertreppen am Hamburger Hauptbahnhof gerät zur Posse: Nach jahrelanger Planung und monatelangem Bau kann die Deutsche Bahn derzeit nicht sagen, wann das Projekt komplett fertig wird. Ein Treppenwitz, meint NAHVERKEHR HAMBURG-Redakteur Thomas Röbke. Ein Zwischenruf.

Menschen kaufen Tickets an einem Fahrkartenautomaten in Hamburg

Explodierende Energiepreise: Wird jetzt auch der HVV teurer?

Die Rekord-Preisanstiege bei Benzin und Diesel sorgen in diesen Tagen für viel Frust an den Tankstellen. Autofahren wird immer teurer und lässt den HVV attraktiver erscheinen. Doch droht dort wegen der steigenden Energiekosten auch eine Preiserhöhung?

9 Antworten auf „Deswegen läuft der Bahnverkehr im Norden so extrem unzuverlässig“

Ich denke, dass NAH.SH den Bogen einfach überspannt hat. Ich sehe auch keinen Sinn darin, die bestehenden Netze noch weiter aufzudröseln und Teilstrecken in die Ausschreibung zu jagen. Die Vorteile eines Netzes werden durch die Ausschreibung und Vergabe von Teilstrecken an einzelne Unternehmen doch konterkariert. Netz Ost an DB Regio und Lübeck-Kiel an Erixx Holstein GmbH macht einfach keinen Sinn.

Eine wenig vorausschauende Personalplanung kann man den Unternehmen eher nicht vorwerfen.
Man findet schlicht kein Personal mehr welches im Schichtdienst arbeiten möchte. Ein Grund ist u.a. auch die Bezahlung. Und da ist die Politik gefragt, die Jobs müssen attraktiver bezahlt werden. Ein weiterer Grund ist das Wunschkonzert. Viele Mitarbeiter wollen nur zu bestimmten Zeiten Arbeiten, wenn sie diese Schichtbereiche nicht bekommen, dann sind sie halt krank. Leider ist ÖPNV 24/7, dann kann man nicht nur von 8-16 Uhr arbeiten.

Solange man in unserem Land fast genau soviel Geld hat wenn man zuhause bleibt wird sich an der Situation nichts ändern.
Nur wer im Leben ein paar mehr Ansprüche hat arbeitet für ein paar Euros mehr am Ende des Monats dann ganz normal.
Und durch die vielen “kranken” sind die die arbeiten mehr belastet, was auf Dauer auch nicht klappt. Wenn es nicht die Mehrarbeit ist, dann ist es der Stress mit den genervten Fahrgästen aufgrund der Ausfälle der viele zum gelben Zettel greifen lässt.

Das Bahnchaos der privaten Bahnbetreiber im Norden zusammen mit der Inkompetenz der Aufgabenträger, die argwöhnisch ihr kleines Fürstentum verwalten und durch teilweise nur begrenzt sinnvolle Fahrzeugspezifikationen und Farbschemata in den Ausschreibungen die Kosten treiben, zeigt, dass der Regionalbahnverkehr wieder in eine Hand gehört mit flächendeckend standardisierten Fahrzeugen. Dann ist es einfacher, Fahrzeuge und Personale bei Knappheiten und krankheitsbedingten Ausfällen zu tauschen. So ist wie immer der Fahrgast der Leidtragende und das, was der Artikel richtig beschreibt wahrlich, ist kein Ruhmesblatt und erst recht keine Werbung für den ÖPNV.

Ich hätte Interesse an einem exemplarischen Bericht von NahverkehrHamburg: Wie funktioniert der Betreiberwechsel eigentlich aus der Sicht der eigentlich Betroffenen, nämlich des Personals. Wenn z.B. Erixx von der Deutschen Bahn die Strecke bekommt: Werden die bisherigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle “in die Wüste geschickt”, wer wird übernommen, wer neu eingestellt? Wie sind die Tarifverträge gestrickt, etc. – Angeblich ist ein Betreiberwechsel ja besonders günstig für das Land, aber was muss dann jetzt extra bezahlt werden (Arbeitslosengeld, Umlackierung von Wagen o.ä.).

Lohnt sich für die AKN eigentlich noch ein Personalaufbau, wenn sie in zwei bis drei Jahren, die A1 an die S-Bahn abgegeben müssen? Ich fürchte, das wird sich dort jetzt auch nächsten Winter wiederholen.

Weiterhin scheint mir das Grundproblem, das mit der sog. Eisenbahnreform in der Kohl-Ära, mit getragen von fast allen damaligen Bundestagsparteien, die Axt an das System Eisenbahn gelegt wurde. Außer auf Stichstrecken wäre ein weitgehend einheitlicher Anbieter auch volkswirtschaftlich sinnvoller als das System der Vergabe an den “Billigsten”. Allein, was bei dem größten deutschen Anbieter der DB AG auf den Abstellgleisen vergammelt, aber noch nicht abgeschrieben ist…Aber der MIV kommt ja überall hin und wird jetzt auf Kosten der Steuerzahlenden ja auch ordentlich gepampert, wenn er nur seine 400 PS-Karossen zumindest teils elektrisch bewegt.

Die Bahn und der Norden – dazu kann ich nur die “Heute Show” vom letzten Freitag empfehlen. 😉 Ist in der ZDF Mediathek vorrätig und es ist auch gleich der erste Beitrag in der Sendung.
Ich verrate mal nur soviel: Meine anhand der Berichte bei “Lok Report online” gefühlt vermutete Dauer von 10, 11 Jahren für den wenigen noch fehlenden Gleisbau und die Elektrifizierung der nicht mal 80 km langen Strecke Oldenburg-Wilhelmshaven/JWP wird darin gnadenlos in den Schatten gestellt. 🤣 Eine Strecke, die kaum Kunstbauten braucht und die die Bahnstromleitung Leer-Elsfleth genau an der richtigen Stelle für ein Unterwerk kreuzt. Also eigentlich optimale Bedingungen.

Der westdeutsche Norden wird nur noch von meinem “geliebten Bahnabbauland” Mecklenburg-Vorpommern getoppt. Aber dafür ist er beim Autobahn- und Straßenbau sicher einsame Spitze, während im Süden (BW, BY) eine Bahnstrecke nach der anderen ausgebaut wird. Man muss eben Prioritäten setzen…

(Jetzt bin ich wirklich gespannt, ob ich die S4 noch erleben werde. Im Berufsleben sowieso nicht mehr.)

Dass die Ausfälle auf wenig vorausschauende Personalplanung beruhen, ist traurig, aber bei der DBRegioSH ja leider ebenfalls nicht viel anders.

Aber man mag es nicht fassen, dass die Kundenkommunikation der Verkehrsbetriebe in Deutschland im Jahr 2022 immer noch einer Lotterie entspricht, und bei der Frage nach den Ursachen nur irgendetwas von Schnittstellen, und “man wisse ja auch nicht” geredet wird.
Da Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen nun wirklich Standard und wahrlich keine Zauberei sind und in sämtlichen Bereichen der Wirtschaft reibungslos funktionieren, außer bei den Verkehrsbetrieben, lässt den Schluss naheliegen, dass die Beförderungsunternehmen sich zwar gerne von den Ländern bezahlen lassen, dass die Beförderungsfälle aka Fahrgäste dabei aber offensichtlich nur ein störender Faktor sind.

Bestes Beispiel ist die S-Bahn Hamburg, die als störungsanfälligstes Verkehrsunternehmen in Hamburg die Kundenkommunikation ja gleich fast komplett eingestellt hat.

Dass es im Nahverkehr im Norden jemals einen einheitlich guten Kommunikationsstandard gibt, den die Verkehrsverbünde ihren Verkehrsbetrieben vorschreibt, oder es womöglich eine gemeinsame Plattform gibt, auf der alle Störungen zu finden sind (außer der Liveticker von NVHH) wird vermutlich ein frommer Wunsch bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.