Diese Vorteile soll die digitale S-Bahn den Fahrgästen in Hamburg bringen

Hamburgs S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke im Interview über den bevorstehenden Fahrgasteinsatz der ersten automatisch fahrenden Züge, welche Verbesserungen die Technik im Alltag bringen soll und wie weit die Planungen an der Strecke nach Harburg sind, damit dort künftig mehr Bahnen fahren können.
Matthias Schinck
Großes Vorhaben: Hamburgs S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke will das Netz in den nächsten Jahren digitalisieren.
Großes Vorhaben: Hamburgs S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke will das Netz in den nächsten Jahren digitalisieren.
Foto: Florian Büh

Die Hamburger S-Bahn steht in den nächsten Jahren wahrscheinlich vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte: Die Züge auf dem gesamten Liniennetz sollen in Zukunft nahezu vollautomatisch fahren. Signale an der Strecke braucht es dann nicht mehr und die bisher starren Sicherheitsabstände zwischen den Zügen können flexibilisiert werden. Damit würde deutlich mehr Platz für zusätzliche Fahrten auf den bestehenden Gleisen entstehen – vorausgesetzt, die Finanzierung des Millionenprojekts steht.

Im NAHVERKEHR HAMBURG-Interview erklärt Hamburgs S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke, wann die ersten automatischen S-Bahnen im Fahrgastbetrieb eingesetzt werden, welche konkreten Verbesserungen die Digitalisierung der S-Bahn bringen soll und wie weit die Planungen für einen Ausbau der Strecke nach Harburg sind, damit dort künftig die zusätzliche Linie S32 fahren kann.

NAHVERKEHR-HAMBURG: Herr Arnecke, die autonom fahrenden S-Bahnen sind auf dem Mobilitäts-Weltkongress ITS im vergangenen Jahr einer breiten Öffentlichkeit präsentiert worden (siehe hier). Der Start war für März vorgesehen? Fahren diese Züge inzwischen?

Kay Uwe Arnecke: Zunächst einmal reden wir von hochautomatisch fahrenden S-Bahnen und nicht von autonom fahrenden Zügen. Da besteht ein Unterschied: Die Züge sind nicht ohne menschliches Zutun unterwegs. Zwischen den Stationen Berliner Tor und Bergedorf werden die Züge mittels digitaler Technik gesteuert und fahren automatisch. Zusätzlich bleiben die Triebfahrzeugführer an Bord, um das System zu überwachen. Und ja, Sie haben Recht, die Einflottung sollte bereits passiert sein, doch bei der Ausbildung des Personals auf die neuen Züge – wir sprechen von rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – kam es auch durch Corona zu Verzögerungen. Momentan laufen die Vorbereitungen für den Einsatz der Fahrzeuge. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir bald mit dem Betrieb starten können. Für die Fahrgäste kommt es nicht zu Einschränkungen: Statt der vier digitalen S-Bahnen setzen wir aktuell reguläre S-Bahnen ein.

(Wie das hochautomatisierte Fahren funktioniert erklären wir hier)

NAHVERKEHR-HAMBURG: Welche aktuellen Schritte zur Digitalisierung der S-Bahn Hamburg sind derzeit in der Umsetzung?

Kay Uwe Arnecke: Die Deutsche Bahn und Siemens haben den weltweit ersten Zug entwickelt, der im Eisenbahnverkehr automatisch fährt. Aktuell stehen uns vier digitale Fahrzeuge zur Verfügung, sodass daraus zwei Vollzüge für den Fahrgastbetrieb gestellt werden können. Perspektivisch soll die Technologie auch bundesweit im Regional- und Fernverkehr genutzt werden. Die Digitale S-Bahn Hamburg dient als Blaupause für hochautomatisierten Zugverkehr in Deutschland. In einem nächsten Schritt werden wir den Einsatz der Fahrzeuge im Fahrgastbetrieb beobachten.

NAHVERKEHR-HAMBURG: Und welche Schritte sind in den nächsten Monaten zu erwarten?

Kay Uwe Arnecke: Wir haben bereits 64 Fahrzeuge vom Typ 490 mit entsprechender Technik beim Hersteller Alstom bestellt. Sie kennen bestimmt die Machbarkeitsstudie, die wir im Oktober 2021 vorgestellt haben? Die Studie zeigt, dass die Digitalisierung des gesamten Hamburger S-Bahn-Netzes deutlich mehr Platz für Züge…

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Matthias Schinck ist hauptberuflich Informationsgrafiker, Artdirector und Zeitungsmacher. Daneben schreibt er darüber, was ihn bewegt: Bus, Bahn und Rad. Für eine Weile lebte er in einem Van und ist Experte für mobiles Arbeiten. Der Liebe wegen hat er in Hamburg den Anker geworfen.

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11 Antworten auf „Diese Vorteile soll die digitale S-Bahn den Fahrgästen in Hamburg bringen“

Das “Wie” der Antworten ging mir noch lange im Kopf herum. Politikersprech at its best.

Von den Harburger Tunnelstationen über die Treppen am Hauptbahnhof bis zur S32 erst Ende 2027 ist für mich die Botschaft eindeutig: Egal, ob der ADAC jetzt seine Mitglieder auffordert, Sprit für den Frieden zu sparen. In Deutschland dauern einfachste Ausbauten der Bahninfrastruktur noch viel länger als “viel zu lange”. Hundert Kommentare von Prellbock und auf NahverkehrHamburg werden daran nichts ändern. Immer neue rot-grün Anträge auch nicht, die eine Beschleunigung des Ausbaus höchstens simulieren können.

Wer sich in den nächsten sechs bis acht Jahren davon nicht abhängig machen will, muss sich wohl oder übel ein E-Auto oder E-Bike kaufen oder in eine andere Region ziehen, wo der Nahverkehr besser funktioniert.

Hmm, so ausweichend wie Herr Arnecke antwortet, werde ich das Gefühl nicht los, dass man noch lange auf die digitale S-Bahn warten muss… Bloß keine konkreten Zeitpläne nennen, keine aktuellen Arbeiten, stattdessen nichts als Floskeln.

800 Mio. Euro für etwas, was im Ernstfall nicht funktioniert, ist eine Menge Holz, das hauptsächlich der Firma siemens, aber nicht den Fahrgästen nutzt. Das Geld wäre an anderen Stellen im S-Bahn-Netz besser invesiert. Der Kabelbrand am vergangenen Wochende hat anschaulich gezeigt, wie störanfällig die überzogene Digitalisierung und Automatisierung ist. Und die Erhöhung der Frequenz auf der S-Bahnstrecke über den Hauptbahnhof funktioniert vielleicht am Computer der Planer, aber nicht in der Realistät. Da stören dummerweise die Fahrgäste, die sich halt nicht in Lichtgeschwindigkeit aus den Bahnen raus und in die Bahnen rein bewegen. Und je enger die Platzverhältnisse am Hauptbahnhof sind, und daran wird sich vor 2035 nichts ändern, umso länger dauern die Umsteigevorgänge. Daher wären die 800 Mio Euro besser in den Ausbau der Güterumgehungsbahn zu einem S-Bahn-Ring und in einem S-Bahntunnel unter der Elbe parallel zur A7 im Hamburger Westen investiert.

Was soll den die ganze Polemik wieder einmal? Meinen Sie ernsthaft, dass gute Simulationssoftware der Planer nicht in der Lage ist verschiedene Fahrgastverhalten abzubilden?

Wer behauptet denn, dass das System im Ernstfall nicht funktioniert? Was ist denn der Ernstfall überhaupt?

Ehrlich gesagt würde ich sogar den Umkehrschluss wagen: Mit mehr Digitalisierung (Stichwort ETCS, weniger Signale etc.) wird das Kabel auch weniger wichtig.

Aber für den Tunnel unter der Elbe machen wir dann lieber einmal das Zugstabsystem…

Ob jetzt ein Kabel am 100 Jahre alten PZB-Magneten brennt oder an der Eurobalise fürs ETCS, ist doch unerheblich.

Klingt ja vorsichtig optimistisch und modern. Zumindest für S-Bahn-Verhältnisse. Mit altmodischen Stahlungetümen unvorstellbar. ?

OK, ich versteh das jetzt nicht genau. Die S32 wurde doch schon vor der digitalen S-Bahn versprochen. Sind 30% mehr Züge jetzt 24 Züge (=4 Linien im 10-Minuten-Takt pro Strecke) oder 30 (=5 Linien).

Genau wie viele Züge da durch passen wäre doch sicher viel aussagekräftiger als “30%”?

Das ist ne sehr gute Frage. Irgendwie ist mir auch nicht ganz klar ob S32 und S4 jetzt mit oder ohne digitale S-Bahn funktionieren.

Ich gehe mal davon aus, dass man als Zielzustand die S32 und S4 fahren können möchte und das ohne Digitalisierung im Hauptbahnhof nicht funktionieren wird. Wie der Fahrgastwechsel in Zukunft beschleunigt werden soll, bin ich auch gespannt. Wenn sich dort bei 4 Linien pro Gleis am Hbf in 10 Minuten etwas nur geringfügig verzögert, gibt es gar keine Puffer mehr und die Verzögerungen summieren sich. Es ist mir ein Rätsel, wie die Digitalisierung beim langen Fahrgastwechsel für eine schnelle Rückkehr zum Normalfahrplan führen soll. Auf der Strecke zwischen den Stationen mag das funktionieren, jedoch sind die kritischen Punkte die Haltezeiten an den Stationen.

Leider kann wohl auch mit ETCS kein gewünschter 2-Minuten-Takt erreicht werden, sodass es bei 4 Zügen in 10 Minuten bleiben wird.
Deshalb ist es umso wichtiger, die U4 nach Süden zu verlängern. Dadurch würde die S32 nur eine Episode bleiben und anschließend kann diese Fahrplanlage für die S41 genutzt werden.

Also die Teaser auf Teil 2 sind jetzt etwas gemein, ihr könnt doch nicht solche Infos versprechen und uns dann warten lassen 😀

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