Ausfälle, Verspätungen, widersprüchliche Störungsinfos: Das Winterwetter im Januar hat zehntausende Fahrgäste im HVV-Gebiet an ihre Grenzen gebracht. Tagelang ging es – vor allem bei der S-Bahn – nur schleppend und mit großen Zeitverlusten voran. Doch der große öffentliche Aufschrei blieb aus.
Ebenso bei der aktuellen neunmonatigen Vollsperrung einer der wichtigen Bahnstrecken Deutschlands zwischen Hamburg und Berlin. Großer Fahrgast-Protest? Keine Spur.
Das sind keine Einzelfälle. Probleme im öffentlichen Nah- und Fernverkehr werden von vielen Betroffenen lange hingenommen: Man organisiert sich irgendwie, fährt früher los, nimmt Umwege in Kauf oder bleibt im Zweifel zu Hause. Ärger ist zwar da – er ist nur selten laut. Woran liegt das?
Im NAHVERKEHR HAMBURG-Interview erklärt der Mobilitäts- und Umweltpsychologe Prof. Marcel Hunecke von der FH Dortmund, wie Ärger und Angst das Verhalten von Fahrgästen beeinflussen, war…









8 Antworten auf „Fahrgastpsychologie bei Störungen: Wann Frust im Nahverkehr gefährlich wird“
Sollte die Beschwerden der ÖPNV Nutzer*innen eine echte Plattform und damit auch Gehör zu geben nicht im obersten Interesse der ÖPNV Unternehmen sein? Die Unternehmen leben von der Beauftragung der Komunen und Länder für Strecken, Verbindungen und letztlich auch für die Qualitat, nutzen selbst die Infrastruktur der DB-Schiene und Straßen, auf deren Qualitat sie selbst auch nur bedingt Einfluss haben.
Einfluss hat die Politik! Die Politik richtet sich nach dem Willen oder halt auch Zorn der Bevölkerung.
Also würde ich als ÖPNV Unternehmen doch sehr viel Wert darauf legen, dass die Stimme der Bevölkerung auch viel Gehör bekommt, den so erhalte ich mehr Geld um einen guten Job zu machen und auch mit meiner Arbeit den Klimaschutz zu fördern und eine echte Alternative zum Auto anzubieten. Denn das gehört ja auch zur Wahrheit, viele haben sich frustiert abgewendet und stehen lieber im selbst erzeugten Stau als immer wieder fremdbestimmt einfach garnicht voran zukommen.
Vielen Dank für das interessante Interview.
Zu der Frage, warum sich Fahrgäste nicht „lauter und wirksamer“ beschweren, kommt noch der Aspekt hinzu, dass selbst größere Störungen wie unlängst nach dem Wintereinbruch kaum mediales oder lokalpolitisches Interesse hervorrufen: Diese Ausfälle sind dem Abendblatt oder dem NDR Hamburg Journal nur Kurzmeldungen wert, ohne dort selbst tiefer in die Thematik einzusteigen. Selbst als die S-Bahn noch mehrere Tage nach dem Schneefall weiterhin große Probleme hatte, interessierte es die Hamburger Medien – von Nahverkehr Hamburg abgesehen – kaum.
Auch Lokalpolitiker, egal ob aus der Regierung oder der Opposition, gehen kaum auf diese Probleme ein oder werden kaum in den Medien gehört.
Wenn man sich – analog zu der lang anhaltenden Störung der S-Bahn – vorstellen würde, die Köhlbrandbrücke würde spontan für drei Tage gesperrt werden müssen: Das wäre sicher die Hauptmeldung in Abendblatt, Mopo und NDR, und die Politik würde sich beeilen, Ihre Statements zu bringen.
Ansonsten kann ich aus meiner eigenen Warte Herrn Hunecke nur zustimmen: Fast nerviger und stressiger als die Störung an sich sind die fehlerhaften oder nicht vorhandenen Informationen zu den Störungen, bzw. schlecht konzipierte Apps, die weder selbst Fahrtalternativen anbieten, noch mich als Nutzer bei der Alternativensuche unterstützen.
Verspätungen im Nahverkehr sind im Nahverkehr nur dann unproblematisch, wenn die Züge in enger Taktung fahren, wie bei U- und S-Bahn. Ist es aber im SPNV nur ein Halbstunden oder gar Stundentakt, dann ist jeder Zugausfall mehr als ärgerlich, zumal die Störungsursachen, die kommuniziert werden vielfach nicht der Wahrheit entsprechen. Und allzu häufig lassen die Disponenten einen Zug ausfallen, weil ein ausgefallener Zug weniger die Pünktlichkeitsstatistik verunziert, wie ein unpünktlicher Zug. Ferner wird den Fahrgästen auch später nicht kommuniziert, was die Störungsursache wirklich war und was getan wird, um künftig diese Störung zu vermeiden. Häufig sind es banale Dinge, die man besser nicht an die Öffentlichketi bringt, weil es dem Image des Verkerhsbetriebes abträglich wäre. Plötzlich ausfallendes Personal kommt vor, aber das EVU muss dann genügend doppelt qualifizierte Leute bereit halten, die einspringen können. Manche Büroarbeit kann locker ein paar Tage liegen bleiben, dann müssen diese Personen z.B. als Zugbegleiter oder auch als Lokführer einspringen. Ggfs. müsste man sich überlegen, ob man dann auch Mitarbeiter, die erst kurz zuvor in den Ruhestand gegangen sind, für solche Feuerwehreinsätze rekrutieren kann. Die Organisation solcher Fall-back-Maßnahmen ist wichtiger als die Formulierung von Entschuldigungsgründen im besten Marketingdeutsch, von dem jeder weiß, hier stimmt was nicht.
Ist das nicht ein Luxus-Problem, zu welchem der Mobilitätspsychologe (Was es so alles gibt!) befragt worden ist? Die Erwartungshaltung der Menschen, hier der Fahrgäste, scheint immer mehr zu wachsen und damit zwangsläufig auch die Unzufriedenheit, was wiederum ein Nährboden für schlimmere Dinge ist.
Wir Autofahrenden können, wenn wir zur Hauptberufszeit unterwegs sind, selten exakt planen. Wir brauchen zu jeder Jahreszeit einen Puffer, wenn wir pünktlich sein müssen. Staus sind an der Tagesordnung. Aber darüber beschweren wir uns nicht, denn wir wissen, dass es sich nicht vermeiden lässt.
Ich wünsche den Fahrgästen von Bus und Bahn ebenfalls weiterhin ein angenehmes Leben nach dem folgenden Motto: https://de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet
Bezüglich dem „Luxusproblem“ muss ich Ihnen Recht geben. Vieles erscheint mir auch als eine Perspektive aus einem „U- und S-Bahn-Dauertakt vor der eigenen Haustür“.
Wo anders bestehen ganz andere Probleme. Hier ein Beispiel aus MV, wie es zugleich zu Verbesserungen und Verschlechterungen kommen kann.
Bis zum Fahrplanwechsel pendelte die RB zwischen Velgast und Barth im angenäherten Stundentakt mit Bedarfshalt an zwei Zwischenstationen. In Vorbereitung des Einsatzes von BEMU-Fahrzeugen wurde zum Fahrplanwechsel die Linie bis Stralsund Hbf verlängert, was eine richtig gute Verbesserung ist: doppelter R-Verkehr-Takt zwischen Velgast und Stralsund mit Schließung der zweistündlichen Taktlücke zum RE, der nur zwischen Stralsund und Rügen pendelt (damit jetzt Stundentakt Barth-Rügen), sowie Wiedereröffnung des Hp Kummerow.
Erkauft wird das Ganze aber mit dem Wegfall der bisherigen Bedarfshalte Saatel und Kenz, da sonst der Anschluss zu den ICE und RE in Velgast (die sich wegen der Eingleisigkeit dort treffen) nicht mehr eingehalten und auch die Haltezeit in Barth nicht noch mehr verkürzt werden kann. Der ganz selten genutzte Halt Saatel, der an der B105 und abseits vom Ort und vor allem vom „Ortszentrum“ liegt, ist sicher nicht unbedingt notwendig. Aber der Entfall von Kenz ist schon bitter, zumal er sowohl nahe an Kenz selbst, als auch dem (mittelalterlichen) Siedlungskern von Saatel liegt und erheblich mehr genutzt wurde. Kenz selbst hat mit St. Marien ein bedeutendes Kulturdenkmal (ehemalige Wallfahrtskirche mit wunderschönen Glasmalereien) und zudem einen Heilbrunnen, der ebenfalls touristisch beworben wird.
Verwiesen wird im ÖPNV auf die Nutzung der wenigen Busse (im Grunde nur Schulbusse, die in den Ferien und an WE/FT nicht fahren) und des „Rufbus-Netzes“ der VVR. Doch dieses ist auch sehr eingeschränkt und umständlich. Also sind die Leute in diesen Dörfern und die Besucher jetzt im Grunde immer auf das Auto angewiesen (oder man unternimmt längere Wanderungen von Velgast oder Barth aus).
Es gehört zwar nicht zum Thema, aber Sie haben eine Frage aufgeworfen, die mich schon lange bewegt: Sollen die Bahnen auch an Dörfern halten? Meine Antwort ist ein klares Nein. Die Aufgabe der Bahn ist es, Städte und größere Gemeinden miteinander zu verbinden. Für die Bedienung der Dörfer ist eindeutig der Bus die bessere Wahl. Ich würde mir da eine klare Abgrenzung wünschen. Eine Unterscheidung zwischen RB und RE könnte somit entbehrlich werden.
Vielen Dank für euer sehr interessantes Interview!
Mein eigener Umgang mit der Generalsanierung:
Letztes Jahr ab Ende August hatte ich einige Veranstaltungen im Raum Rügen, zu denen ich u.a. Vorträge gehalten hatte. Ich bin ganz ehrlich, dass ich mit dem PKW gefahren bin und das auch von vorn herein so geplant hatte, zumal auch noch eine Zeit lang die Strecke zwischen Rostock und Gelbensande gesperrt war. Zu meinem letzten Termin auf Rügen um den zweiten Advent herum hatte ich wegen möglicher schlechter Witterungsbedingungen dann doch geplant, in den sauren Apfel beißen zu müssen und mit Stückelwerk Tonndorf-OD-HL-Bad Kleinen-HRO-HST und dann mit dem Bus in das betreffenden Dorf zu fahren. Glücklicherweise war für diesen Zeitraum mildes und ruhiges Wetter vorhergesagt, sodass ich auch da der A20 den Vorzug gegeben habe, anstelle das Risiko einzugehen, Anschlüsse nicht mehr zu erreichen, die dann jedes Mal gleich „eine Stunde später“ und von Rostock nach Stralsund sogar „zwei Stunden später“ bedeuten würden.
Zu Weihnachten bei meiner Fahrt in die alte Heimat wollte ich besonders intelligent sein und die Sperrung HH-B großräumig über Hannover umfahren, was natürlich ein Fehler sowohl auf Hin- und Rückfahrt (Zugbindung) war und ich mit den Umleiterzügen besser gekommen wäre. Zumal diese auch nicht wie befürchtet voll waren. Offenbar haben die meisten doch „Abstimmung mit vier gummibereiften Rädern“ gemacht.
In MV hat man schon ganz schöne Wut wegen der auf „unbestimmt“ verlängerten Generalsanierung:
https://www.lok-report.de/news/deutschland/aus-den-laendern/item/65208-mecklenburg-vorpommern-die-verzoegerungen-bei-der-generalsanierung-hamburg-berlin-sind-inakzeptabel.html
Für mich steht inzwischen auch fest: Im Mai weiterhin mit dem Auto nach Rügen. (Oder meinetwegen mit dem „Blecheimer“, ist mir dann auch egal.)