Generalsanierung Hamburg – Lübeck verschoben: Was das für den Weiterbau der S4 bedeutet

Bau der neuen S-Bahnlinie hat bereits mehrere Jahre Verspätung. Durch die neu terminierte Generalsanierung wird eine pünktliche Inbetriebnahme immer unwahrscheinlicher. Was die Deutsche Bahn dazu sagt und warum ein Stellwerk-Domino die Lage noch weiter verschärft.
Christian Hinkelmann
Dieses fast fertige Stellwerk in Wandsbek sorgt derzeit dafür, dass es mit dem Bau der S4 nicht so recht vorangeht. Der Grund ist eine Kettenreaktion. (Foto: Christian Hinkelmann)
Dieses fast fertige Stellwerk in Wandsbek sorgt derzeit dafür, dass es mit dem Bau der S4 nicht so recht vorangeht. Der Grund ist eine Kettenreaktion. (Foto: Christian Hinkelmann)

Jetzt ist es offiziell: Die Generalsanierung der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Lübeck wird um ein Jahr verschoben – von 2027 auf das Jahr 2028.
Das hat die Infrastrukturgesellschaft der Deutschen Bahn, DB Infrago, gestern bekannt gegeben.

Damit verschiebt sich auch ein dringend benötigtes Zeitfenster für die Fertigstellung der neuen S-Bahnlinie S4. Die Deutsche Bahn wollte die sechsmonatige Vollsperrung der Bahnstrecke im zweiten Halbjahr 2027 nämlich dazu nutzen, um direkt daneben ungestört und mit Vollgas die Gleise und Bahnhöfe für die neue S-Bahn zu Ende zu bauen.

NAHVERKEHR HAMBURG erklärt, was die Verschiebung der Generalsanierung jetzt für den Weiterbau der S4 bedeutet, was die Deutsche Bahn dazu sagt und wie viele Jahre Verspätung das S-Bahn-Projekt aktuell hat.

Der neue Generalsanierungs-Zeitplan

Die Generalsanierungen im deutschen Bahnnetz verschieben sich um fünf Jahre. Die ambitionierten Zeitpläne der alten Ampel-Koalition werden gestreckt.
Das Bundesverkehrsministerium folgt damit einem Vorschlag der DB Infrago. Für Hamburg und das Umland bedeutet das vier neue Termine:

Die Generalsanierung der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Lübeck verschiebt sich um ein Jahr von 2027 auf 2028, anschließend folgt direkt die Vollsperrung der Strecke Hamburg – Hannover im Jahr 2029.

Die ehemals für 2028 eingeplante Generalsanierung der Strecke Hamburg – Bremen verschiebt sich um drei Jahre auf 2031 und die Sanierung der Strecke von Hamburg nach Flensburg sogar um fünf Jahre von 2031 auf 2036.

Vor allem die Verschiebung der Generalsanierung zwischen Hamburg und Lübeck ist aus norddeutscher Sicht problematisch, denn an ihr hängt eben auch die neue Hamburger S-Bahnlinie S4, deren Bau in den vergangenen fünf Jahren kau…

Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

Auch interessant

Heute kaum vorstellbar: Im Frühjahr 1976 wurde dieser Eisenbahnwaggon von einem Lastwagen auf einem schmalen Gleis über die Kreuzung Barnerstraße/Bahrenfelder Straße mitten in Ottensen (bei der FABRIK) gezogen. Das markante Eckgebäude steht immer noch und soll demnächst abgerissen werden. (Foto: Rainer Dodt)

Best-of: Die Geschichte von den Lastwagen-Güterzügen in Ottensen

Wer mit offenen Augen durch Ottensen und Bahrenfeld läuft, hat sie vielleicht schon mal gesehen: die vielen alten Gleisreste in Straßen und Industriehöfen. Was viele nicht wissen: Auf ihnen rollte noch bis 1981 eine Art Güterstraßenbahn. So sah der Betrieb damals aus.

Wer hier vom Bus mal eben schnell zur S-Bahn will, braucht eine gute körperliche Fitness - vor allem mit Gepäck. (Foto: Christian Hinkelmann)

Dauerbaustelle Berliner Tor: Endausbau dauert noch Jahrzehnte

90 Stufen, keine Aufzüge, jahrelange Verzögerungen: Am Berliner Tor erleben Fahrgäste täglich eine der härtesten Umsteigesituationen Hamburgs. Wir zeigen, warum sich daran so bald nichts ändert und wieso der Bahnknoten noch lange unvollendet bleibt.

7 Antworten auf „Generalsanierung Hamburg – Lübeck verschoben: Was das für den Weiterbau der S4 bedeutet“

Der Bau der S4 entwickelt sich planmäßig zu einer unendlichen Geschichte. Vor vier Jahren wurde der 1. PF Abschnitt genehmigt und vor drei Jahren vor dem BVerwG in einer skandalösen Hauptverhandlung durchgewunken.
Die schon seit den späten 30ziger Jahren angedachte S-Bahnstrecke wurde nie realisiert, da sie nach der Verlängerung der U1 nach Großhansdorf und Ohlstedt nicht mehr benötigt wurde. Hamburgs Interesse war gering, weil das Vorhaben nie wirtschaftlich zu begründen war. Erst mit der zugesagten Hinterlandanbindung für die Fehmarnbeltquerung ergab sich für den Bund die Notwendigkeit, für die damals erwarteten explodierenden Güterverkehrsströme, Trassen zur Verfügung zu stellen. Mit der Kostenübernahme durch den Bund avancierte die neue S4 zu einem „phantastischen Verkehrsprojekt“, bei dem die Stadt hemmungslos Forderungen nach zusätzlichen neuen Haltestellen einbringen konnte. Alle Vorschläge für eine Planung mit Augenmaß und der Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten wurden abgebügelt. Aus den ursprünglich genannten Kosten von 1,85 Mrd. sind mittlerweile sicherlich 2,5 – 3 Mrd. geworden, für eine S4, die im 20-Minutentakt betrieben werden soll und nur in der Hauptverkehrszeit im 10-Minutentakt, also vergleichbar dem S-Bahnbetrieb zwischen Blankenese und Wedel , ein immenser Aufwand. Abgesehen von der Tatsache, dass schon heute der Hauptbahnhof der entscheidende Engpass für den S-Bahnbetrieb darstellt und schon die S1 in den Hauptverkehrszeiten nicht pünktlich betrieben werden kann, führt die Verringerung der Fernbahngleise für den Nah-Fern- und Güterverkehr in Wandsbek von 3 auf 2 zu einer Kapazitätseinschränkung der gesamten TEN-Strecke von Skandinavien nach Südeuropa.
Das Interesse DB an dem Vorhaben ist offensichtlich gering. So wurde innerhalb von drei Jahren mit dem Bau der zwei neu genehmigten Haltestellen noch nicht einmal begonnen. Die für Ende 2024 zugesagte Personenunterführung an der Claudiusstraße soll nun vielleicht Ende 2026 fertig werden, eine für viele betroffene Bürger schwer erträgliche Zumutung.
Da bisher so wenig passiert ist, wäre es wohl an der Zeit das gesamte Vorhaben noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Damit könnte dem Bund, also uns Steuerzahlern, nicht nur viel Geld gespart werden, sondern auch die Akzeptanz für das Vorhaben verbessert werden. Die einzelen Aspekte wären;
1. Verzicht auf die Fortführung der S4 über Rahlstedt hinaus,
2. Optimierung des Regionalverkehrs durch die Möglichkeit in Rahlstedt bei Bedarf auf die S4 zu wechseln,
3. Verzicht auf die Haltestellen Claudiusstraße und Bovestraße,
4. Eingleisiger Betrieb im Bereich des Bahnhofs Wandsbek mit der Möglichkeit eines ebenerdigen Zuganges zum S-Bahngleis und gleichzeitiger Erhalt des 3. Fernverkehrsgleises zur Ausfädelung des Güterverkehrs in die Horner Kurve.
Bei einem entsprechenden Moratorium könnten die ausufernden Kosten um mindestgens 1,5 Mrd. gesenkt, die Bauzeit verringert und das Verkehrsangebot deutlich verbessert werden.

Ach, wie schön passend ist doch gerade das Eingangsfoto! Ich habe ein richtiges Deja-vue.

Also ich 2001 meine Wohnungssuche in Hamburg absolvierte, waren mir bei der Anfahrt zum Besichtigungstermin meiner dann erhaltenen Wohnung aufgefallen: der ungewöhnlich starke Andrang in Wandsbek Markt und vor allem am Busstand der damals noch nicht 9 (ich glaube 164 oder so), und etwas später die Bahnschranken im Stadtteil. Bei denen habe ich wirklich die Kurbel gesucht, in Erwartung, dass die Schranken noch so wie zu Kaisers Zeiten bedient werden.

Und (mindestens) seit 2001 wird auch von der S4 „gelabert“. Ich weiß gar nicht, auf wieviel Veranstaltungen ich dazu gewesen bin: Hotel Eggers, Schüssler-Plan, S4-Initiative…
Als es 2020/2021 dann tatsächlich mit den Roden der Kleingärten im Gleisdreieck Hasselbrook losgegangen ist, habe ich nicht nur jede Menge Fotos für die HN&HB davon gemacht, sondern auch gehofft: Jetzt sind wir auch mal dran. Jetzt wird für uns auch mal etwas ÖPNV-seitig gebaut. Jetzt sind die Zeiten vorbei, dass auf Straßenbahn-Planungskarten (hauptsächlich für den Westen) die Legende demonstrativ auf den Stadtteil Tonndorf und die RB81-Linie geklatscht wird.

Jetzt ist es mir eigentlich schon völlig egal, was hier weiter nicht passiert. Meinetwegen kann das Grünzeug wieder so weit durchkommen und wachsen, dass dann wieder die Grünschnittrichtlinien gelten. Meinetwegen kann dieser lächerliche Bauabschnitt einfach als „Bereich Hasselbrook“ firmieren, wie schon mal in der HN&HB bezeichnet. Meinetwegen kann auch zu den nicht existierenden Baustellen geradelt werden. Und meinetwegen kann auch wieder zur 20-Minuten-Takt-Planung außerhalb der HVZ zurückgekehrt werden.

Auch 2028 und die große Hoffnung „Generalsanierung“ sind nur „Sand in die Augen“. Jede/r weiß, dass auch diese Termine nicht gehalten werden.

Übrigens Generalsanierung: Es hat inzwischen einen weiteren Unfall eines ecovista Gelenkbusses auf der A24 gegeben, ebenfalls nochmal glimpflich verlaufen…

Ich werde nie eine S4 kennenlernen.
In Mecklenburg-Vorpommern weiß ich, dass dort „kleinere Brötchen gebacken werden“, und habe auch gar keine anderen Ansprüche. Da ist es schon toll, wenn künftig BEMU-Fahrzeuge eingesetzt werden und vielleicht dafür die Fahrleitung wieder bis vor den BÜ Saatel der B105 verlängert und das Ganze im Stundentakt betrieben wird.

Ich glaube kaum, dass Christian Hinkelmann wegen mir diesen Artikel geschrieben hat. Da würde er meine Person erheblich überbewerten. Es wird wohl eher mit „Jetzt ist es offiziell“ zusammenhängen. 😉
Und außerdem: „Gemecker“ vielleicht, aber vor allem: Bestärkung, sich mehr der S5 zu widmen, weil einfach erfolgversprechender…

Der Bau der S4 war lange vor der Idee der Generalsanierungen beschlossen und die Planungen abgeschlossen. Die Bahn wollte bzw. will beides lediglich kombinieren, um einmal mehr auf Kosten der Kunden Geld zu sparen, das sie dann für andere Dinge ausgibt, die sie eigentlich selbst bezahlen müsste.

Und die Politik? Sie tut so, als ginge sie das nichts an, und verhält sich, als wäre die Bahn ein Staat im Staate. Das Ganze ist ein unglaublicher Skandal. Eigentlich wäre es nötig, dass zum Beispiel der Hamburger Verkehrssenator zurücktritt, denn es ist sein Job, dafür zu sorgen, dass Baumaßnahmen – auch des Bundes – in Hamburg im vereinbarten Zeitrahmen umgesetzt werden. Doch Tjarks tut offenbar nichts anderes, als Selfies bei irgendwelchen Eröffnungen zu machen. Auch hat er selbst kein einziges Schienenprojekt vorangetrieben. U5, U4, S4, S5 und S6 sind alle von der SPD angestoßen. Er könnte z.b. den Umbau der Güterumgehungsbahn vorantreiben aber auch dort ist seit Jahren Funkstille. (von der U4 nach Wilhelmsburg, Kirchdorf und Harburg fange ich besser gar nicht an). Was wollen die Grünen eigentlich in Regierungen außer „dabei“ zu sein?

Diese Verzögerungen und das Planungschaos passen ja in das Bild nahezu aller Bahn-Baustellen Hamburg- und Bundesweit:
Bahnhöfe Ottensen, Diebsteich, Elbbrücken, Sanierung der Tunnelbahnhöfe Richtung Neugraben, Stuttgart21, Berliner S-Bahn, Münchner Stammstrecke, Fehmarnbelt, Marschbahn, S6-Erweiterung der Harburger Strecke… Die Liste ließe sich ewig fortsetzen.

Aus Sicht der Bahn ist die S4 eben „nur“ irgendeine Kleinbaustelle, die höchstens lokales Interesse weckt, im Gegensatz zu den Generalsanierungen, die bundesweite Aufmerksamkeit auch in der Politik haben, und deshalb hochprior sind.

Für uns als RB81-Fahrgäste heißt es also weitere Jahre, auf der Strecke Richtung Lübeck mit alter fehleranfälliger Technik zurechtzukommen, und einen eh schon völlig unzureichenden, und eben auch völlig störanfälligen Nahverkehr angeboten zu bekommen, den man bei wichtigen Terminen besser nicht nutzt, will man sich nicht ärgern.

Dass aus Schleswig-Holstein nicht viel zu den Verzögerungen der Bahn zu hören ist, verwundert nicht, ist doch das Land selbst einer der größten Bremser im Planungsprozess.

Und unser Verkehrssenator? Nicht nur, dass man von ihm zu den Problemen und Verzögerungen ebenfalls nichts substanzielles hört, oder dass auch nur irgendwie Druck auf die Bahn ausgeübt würde – nein, er stellt sich auch noch vor die Presse, und preist die Bahn als zuverlässigen Projektpartner für den VET an.

Als Hamburger kann man nur hoffen, dass der VET nie gebaut wird – und wenn, dann nicht durch die Bahn, denn dieses Vorhaben würde Hamburg über Jahrzehnte hinweg in eine Sand- und Baustellenwüste verwandeln.

Dein Wunsch dürfte sich erfüllen.
Hast du nicht bemerkt, dass sich Tjarks im August ungewohnt kritisch zur Bahn und zum VET positionierte? Das geschah ganz bestimmt nicht ohne Grund. 😉

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner