S-Bahn für Bahrenfeld: Hat sie überhaupt noch eine Chance?

Tausende Anwohner in Bahrenfeld und Pendler aus dem Hamburger Westen haben auf die neue S6 gewartet. Nach dem überraschenden Schwenk des Senats auf die U5 ist unklarer denn je, was aus der Planung wird. Viele Gründe sprechen gegen eine Realisierung.
Christian Hinkelmann
Noch fahren Busse im dichten Takt auf der Stresemannstraße durch Hamburg-Bahrenfeld. Die Chance, dass sie künftig durch eine unterirdische S-Bahn-Linie S6 ersetzt werden, ist deutlich gesunken. (Foto: Christian Hinkelmann)
Noch fahren Busse im dichten Takt auf der Stresemannstraße durch Hamburg-Bahrenfeld. Die Chance, dass sie künftig durch eine unterirdische S-Bahn-Linie S6 ersetzt werden, ist deutlich gesunken. (Foto: Christian Hinkelmann)

Es war ein Paukenschlag, als Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks in der vergangenen Woche eine überraschende Wende verkündete: Die seit sechs Jahren konkret geplante S-Bahnlinie S6 von Altona durch den Norden Bahrenfelds nach Lurup und Osdorf soll doch nicht gebaut werden. Stattdessen wird die bereits im Bau befindliche U-Bahnlinie U5 von den Volkspark-Arenen nach Osdorf verlängert. Geringere Kosten, ein schnellerer Bau und eine größere Chance auf Fördergelder, so die offizielle Begründung des Senators. Zudem sprechen noch weitere gewichtige Gründe für den Bau der U-Bahn.

Gänzlich verzichten will Hamburg auf die S6 allerdings nicht. Nach den Plänen der Verkehrsbehörde soll sie stark verkürzt realisiert werden – vom Bahnhof Holstenstraße bis zur Bahrenfelder Trabrennbahn. Dort sollen in den kommenden Jahren 2.500 neue Wohnungen und die „Science City“ entstehen. Und nicht ganz zufällig ist hier auch das potenzielle Olympische Dorf vorgesehen, falls Hamburg 2036 oder 2040 die Sommerspiele austragen sollte.

Doch hat diese „S6 light“ in den Norden von Bahrenfeld überhaupt eine realistische Chance, jemals gebaut zu werden? Vieles spricht dagegen, und selbst die Verkehrsbehörde verbreitet wenig Hoffnung.

NAHVERKEHR HAMBURG erklärt in dieser Analyse die Hintergründe und skizziert drei realistische Szenarien, wie die Geschichte der S6 nun weitergehen könnte.

Der neue Plan: eine S-Bahn im Mini-Format

Vier statt neun Kilometer, drei statt fünf Stationen: So sieht der Plan für die verkürzte S6 aus. Er sieht eine Ausfädelung am S-Bahnhof Holstenstraße aus dem bestehenden Netz vor, gefolgt von einer Tunnelstrecke unter der Stresemannstraße mit Haltestellen an der Ruhrstraße und der Von-Sauer-Straße. Von dort soll es unter der Bahrenfelder und Luruper Chaussee bis zur Trabrennbahn Bahrenfeld weitergehen, wo die Strecke enden würde.

Mit dieser Kappung entledigt sich die Planung der beiden größten Probleme des ursprünglichen Verlaufs: der heiklen Nähe zur Forschungsanlage DESY, die eine teure Tunnelführung in Schlangenlinien erfordert hätte, und der Durchquerung des dünn besiedelten Gebiets bis Lurup.

Letzteres war der Hauptgrund, warum die lange S6 trotz aller Optimierungen als unwirtschaftlich galt und keine Aussicht a…

Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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11 Antworten auf „S-Bahn für Bahrenfeld: Hat sie überhaupt noch eine Chance?“

Vielleicht noch ein Gedanke, weil oft geschrieben wird, dass das Zentrum Altona von der S6 außer acht gelassen wird. Aktuell fährt von der Trabrennbahn die 3 im 5 Minutentakt und die X3 im 10 Minutentakt (beide Richtung Holstenstraße, wo die Busse deutlich leerer werden), während nach Altona nur die 2 im 10 Minutentakt fährt. Da passt eine S6 Richtung Holstenstraße schon rein. Die Einfädelung auf die Verbindungsbahn ergibt wegen der Verknüpfung Uni (Dammtor) und Science City auch einen gewissen Sinn.

Ich habe irgendwo mal den Vorschlag gelesen, die S6 aus der S1 ausfädeln zu lassen. Wäre das nicht eine Option, ein besseres Nutzen/Kosten-Verhältnis zu erhalten? Man könnte sich damit die zwei Stationen direkt neben der S1 und die aufwändige Ausfädelung bei der Holstenstraße sparen.

Ein Wort zu diesen ganzen Zukunftsprojekten allgemein:
Der demografische Wandel scheint dabei vollkommen ignoriert zu werden. Die arbeitende Bevölkerung schrumpft zusehends. Wer soll dann noch diese ganzen Projekte finanzieren? Und mit einer zeitlichen Verzögerung wird die Einwohnerzahl Deutschlands stark zurückgehen. Wer braucht dann noch diese ganzen geplanten Dinge? Eine höhere Geburtenrate käme jetzt schon zu spät. Die einzige Lösung: Einwanderung. Aber diese wird ja von einer wachsenden Zahl der Menschen abgelehnt.

Es überrascht mich, dass „zu wenige Fahrgäste“ und „10-Minutentakt nicht zukunftsfähig“ hier beide gelistet werden. Bei den wenigen Fahrgästen sollte der dünne Takt doch ausreichen? Über die Strecke kann man streiten, aber diese Argumentation finde ich unschlüssig.

Hallo Thomas, gemeint ist damit, dass die S6 im Grunde in einer Falle steckt: Für einen wirtschaftlichen Bau/Betrieb sind die Fahrgastpotenziale an der Strecke gefährlich gering. Gleichzeitig dürfte die Fahrgastzahl aber auch nur in einem beschränkten Maße zunehmen, weil kein dichterer Takt möglich ist.

Beste Grüße

Christian Hinkelmann

@Jens Ruge: Doch, für eine so kurze Strecke ist eine Straßenbahn das geeignete hochwertige Verkehrsmittel und darf genannt werden. Die alten Stadtbahn-Planungen krankten daran, dass die Kapazitäten und die Geschwindigkeit für das erwartete Fahrgastaufkommen und die weiten Strecken einfach nicht angemessen waren. Hier passt eine Straßenbahn sehr gut! Gerne von Klein Flottbek über Elbe-Einkaufszentrum, Trabrennbahn, Holstenkamp, Am Diebsteich, Waidmannstraße, Langenfelder Straße, Alsenplatz, Christuskirche und Schlump zum U-Bahnhof Sternschanze.

Die Station Ruhrstraße läge nur 500 Meter entfernt von der Station Ottensen. Von-Sauer-Straße läge nur 700 Meter entfernt von Bahrenfeld. Das braucht niemand. Und die Olympischen Spiele kommen ohnehin nicht nach Hamburg. Also lieber ein Ende ohne(!) Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das Geld und die Arbeit werden woanders gebraucht.

Die S6 nach Lurup/Osdorf war von vornherein eines dieser typisch Hamburger Ankündigungsprojekte, die, weil nie zu Ende gedacht, niemals eine realistische Chance hatten und haben, je gebaut zu werden. Allein die Ausfaedelung dieser Linie am Bahnhof Holstenstraße ist mega aufwendig. Das war schon vor 7 jahren als das Projekt erstmals vorgestellt wurde offensichtlich. Dann kam das Projekt VET in die Quere, welches jetzt als wohlfeile Entschuldigung für die Verzögerung des Projektes herhalten muss. In den 7 jahren und mit den bisher sinnlos verballerten Planungskosten für die S6 hatte man bei gutem Willen locker die ersten 10 Kilometer einer Straßenbahn Anbindung von Lurup/Osdorf nach Hamburg Altona bauen können. Der Eiertanz um das Thema Straßenbahn in Hamburg hat zwar Tradition ist aber langsam peinlich und für die Verkehrserschließung kontraproduktiv

Wie ich schon in dem anderen Artikel zu diesem Thema geschrieben hatte, ist es das Beste, diese Stummel-S-Bahn zu „begraben“ und dafür dort das ursprünglich diskutierte Hochleistungsbussystem aufzubauen. (Über das Verkehrssystem, dessen Name nicht genannt werden darf, schweigen wir lieber. 😉) Das hat auch den großen Vorteil, dass der Reisebedarf aus dem Osdorfer Born nach Altona Zentrum weiterhin befriedigt werden kann.
Außerdem ist eine S6-Ausfädelung, wie bisher vorgesehen, äußerst problematisch, wenn die Verbindungsbahn wieder mal wegen Bauarbeiten oder Störungen gesperrt sein wird. Da könnte die S6 nicht über die City-S-Bahn geleitet werden und müsste auf dem kurzen Stück ins Nirgendwo pendeln.

Zudem kommt noch die Systemschwäche des maximalen 10-Minuten-Taktes („Nichtupgradefähigkeit“) hinzu.
Deshalb sollte auch das andere nicht upgradefähige S-Bahn-Projekt „begraben“ werden. Das wird doch sowieso nichts mehr, höchstens immer teurer. Sozusagen: Der Berg kreißt und gebiert eine Maus (einen maximal 10-Minuten-Takt für sehr viel Geld). Auch dort wäre ein Hochleistungsbussystem sinnvoller. Zu der Erkenntnis bin ich inzwischen gekommen.

Bitte nicht die Hoffnung für die S4 aufgeben, Herr Junge!!!!

Zur S6: Für das kurze Stück reicht aber auch wirklich ein 10 Minuten-Takt.

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