HVV Any: Warum das automatische Ticket wirklich sterben musste

Der HVV nennt das Deutschlandticket als Grund. Doch Daten zeigen: Woanders boomen ähnliche Systeme. Das waren die eigentlichen Hintergründe für das Ende von HVV Any und deswegen wurden durch eine bestimmte Technik-Wahl möglicherweise Millionen verschwendet.
Christian Hinkelmann
Abgeschaltet wegen Erfolglosigkeit: HVV Any. (Foto: Christian Hinkelmann)
Abgeschaltet wegen Erfolglosigkeit: HVV Any. (Foto: Christian Hinkelmann)

Einfach in die Bahn oder den Bus einsteigen – ohne vorher ein Ticket kaufen zu müssen – und am Ende des Tages automatisch den günstigsten Preis zahlen, der nie teurer ist als eine Tageskarte.

Ob London, Amsterdam, Kopenhagen, Singapur oder Sydney: Weltweit revolutionieren Metropolen mit solchen automatischen Ticketsystemen den Nahverkehr. Bei diesen checken die Fahrgäste meist per App an der Starthaltestelle ein und am Fahrtende wieder aus (Check-in/Check-out = CiCo), oder der Ausstieg wird sogar vollautomatisch erkannt (Check-in/Be-out = CiBo).

Die Automatik-Tickets nehmen den Fahrgästen den lästigen Fahrkartenkauf und die Suche nach dem richtigen Tarif ab. Sie machen den ÖPNV bequemer und einfacher.

Hamburg gehört nicht mehr dazu.

Vor wenigen Wochen hat der HVV sein automatisches Ticketsystem HVV Any abgeschaltet – wegen angeblicher Erfolgslosigkeit. Seitdem müssen Gelegenheitsfahrgäste und Touristen wieder Tarifzonen studieren und sich zwischen Kurzstrecke, Nahbereich, Einzel- oder Tageskarten entscheiden. Eine Bestpreis-Funktion, die davor absichert, im Laufe eines Tages zu viel für Einzeltickets zu zahlen, gibt es nicht mehr.

Fragt man den HVV nach den Gründen, hört man, dass die Nachfrage zu gering gewesen sei. Dass zuletzt nur noch rund 13.000 Menschen pro Monat die Funktion genutzt hätten. Dass nur knapp 1 Prozent aller Onlinetickets per Any-Funktion gekauft worden seien.

Als Hauptgrund für die schlechte Quote wird das Deutschlandticket genannt. Es ist in Hamburg dermaßen beliebt, dass für andere Ticketangebote schlicht kein Bedarf mehr da sei.

Auf den ersten Blick klingt das schlüssig und verantwortungsvoll: Der durch Steuergelder finanzierte HVV trennt sich von einem kaum genutzten, unwirtschaftlichen Produkt und vermeidet Geldverschwendung.

Doch stimmt diese Geschichte wirklich?

NAHVERKEHR HAMBURG hat in den vergangenen Wochen mit ÖPNV-Verantwortlichen in mehreren Bundesländern gesprochen, Daten ausgewertet und sich mit Softwareanbietern ausgetauscht. Das Ergebnis der Recherche zeichnet ein anderes Bild.

Der Fehlstart einer „Revolution“

„Ein enormer Komfortgewinn“ für Gelegenheitsfahrgäste. Eine „Revolution im Markt“. Die Verantwortlichen sparten nicht mit Lob, als im Februar 2023 das automatische Ticketsystem HVV Any an den Start ging. Endlich – denn Hamburg musste lange darauf warten. Mehr als sechs Jahre lang hatten der Verkehrsverbund und die Hochbahn an der neuen Technik gearbeitet.

Der Aufwand war riesig. Sämtliche Bahnsteige, Züge und Busse mussten mit speziellen Funkchips ausgerüstet werden, die Verbindung zu den Handys der Fahrgäste aufnehmen können. 6,76 Millionen Euro hat die Ausrüstung samt App-Entwicklung bei der Hochbahn gekostet. Allein die Testphase dauerte mehrere Jahre.

Seit 2018 trommelten der Verkehrsverbund und die Verkehrsbehörde in Jahresberichten, Bilanzen und auf Mobilitätsveranstaltungen regelmäßig für das neue Feature. Die Aufmerksamkeit war also groß, al…

Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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9 Antworten auf „HVV Any: Warum das automatische Ticket wirklich sterben musste“

Guten Tag,

ihren Artikel kann ich als HVV-Any Nutzer der ersten Stunde nur zustimmen. Das Angebot hat mich (technisch) von Anfang an interessiert und wäre für mich als seltenen ÖPNV-Nutzer ideal.
Leider hielten mich folgende Gründe von einer ständigen Nutzung ab:

(1) Die Lösung war zu vielen Zeiten technisch nicht verfügbar. Sowohl beim Einchecken im VHH-Bus 135 als auch im S-Bahnhof Bergedorf verweigerte oft der Server die Nutzung der Any-Funktion mit einer Fehlermeldung.

(2) Jede dritte Fahrt wurde falsch abgerechnet. Der Fallback war offensichtlich das Tagesticket. Die Abrechnungen musste ich deshalb jedes Mal kontrollieren und ggf. eine Korrektur mit der Sendung von Log-Daten anfordern. Dies geschah zwar zuverlässig, war aber auf Dauer für mich als Kunden zu aufwendig.

Mich wundert deshalb nicht, dass selbst registrierte Nutzer der Any-Funktion nur mit wenigen Ticketbuchungen im Gesamtabsatz meiner Tickets vorhanden sind.

Der HVV hat so zwar viele Einnahmen erfolglos verheizt und Kunden wie mich mit einem fehlerbehafteten Angebot frustriert.
Hoffentlich hat der Verbund zukünftig ein besseres Händchen beim Marketing und bei „make or buy“-Entscheidungen.

Dieser Artikel scheint mir richtig gut recherchiert zu sein. Glückwunsch.Ich hatte früher eine HVV Dauerkarte und dann eine Deutschlandkarte, aber von HVVany habe ich vielleicht mal was gehört, aber sonst nichts wahrgenommen.

Ein Blick aus NRW: Die Hälfte der Senior*innen besitzt oder nutzt kein Smartphone. Je älter Menschen werden, desto kürzer und seltener werden die Fahrten. Das Deutschlandticket ist vielfach keine Option. In Düsseldorf kostet es bis zur nächsten Haltestelle 4 €. Ein Arztbesuch kann schnell 8 € kosten, aber in absehbarer Zeit nicht mehr mit Bargeld bezahlt werden. Hier wird eine wachsende Generation zum Teil von der ÖPNV-Nutzung ausgeschlossen. Es sei denn, dass sie – wie beispielsweise in Polen – Bus und Bahn kostenlos nutzen kann. In Stockholm hält man bei jeder Fahrt seine Giro- oder Kreditkarte (was auch eine Bezahlapp auf dem Smarhphone sein kann) vor ein Gerät an der Tür. Das Checkout hat man aber auch dort noch nicht gelöst. Dafür gibt es Zeittarife. was für Kurzstrecken auch nicht fair ist.

Für mich gab es bei HVV-any noch ein weiteres Problem: die Unzuverlässigkeit. Nachdem über 30% der Abrechnungen nicht korrekt waren, habe ich die App nach 2023 nur noch selten genutzt. Beispiele:
1. Busfahrt zu einer Mitfahrgelegenheit im Privat-PKW, manuelles Check-out war nicht möglich, automatisches Check-out erfolgte erst nachdem die PKW-Route sich deutlich vom Buslinienverlauf entfernte.
2. Auf der Linie 225 gibt es unterschiedliche Linienverläufe, statt der durchgehenden Verbindung wurden zwei teurere Einzelverbindungen abgerechnet.
3. Morgens von Bergedorf in die Innenstadt mit HVV-any, nachmittags mit dem Fahrrad (!) auf der Veloroute 8 zurück. Die V8 liegt aber direkt über der U2/U4, das wurde als Fahrt von Berliner Tor bis Hammer Kirche berechnet.
Die falsch berechneten Fahrten wurden zwar alle erstattet, aber alles im Detail selber kontrollieren zu müssen ist nicht das was man erwartet. Und für den HVV natürlich auch mit hohen Kosten verbunden.

Interessanter Artikel. Zwei Aspekte fehlen mir allerdings, die für die Unterschiede m.E. auch Bedeutung haben könnten: Gab es bei den jeweiligen Verbünden eine Tradition für Mehrfahrtenkarten, die schon in der Papier-Ära denjenigen Gelegenheitsfahrgästen einen Vorteil boten, die für eine Zeitkarte zu selten fahren? Denen gegenüber schien mir Hamburg schon früher ziemlich ignorant. Welchen Rabatt gibt es anderswo bei z.B. im Schnitt ein oder zwei wöchentlichen Hin- und Rückfahrten (mit Beginn auch vor 9 Uhr)? Da gab es im HVV nie ein anderes Angebot als die Tageskarte.
Und für welchen Zeitraum greift die Bestpreisabrechnung, nur für den einzelnen Tag oder länger? Bei nur einem Tag (für den manche den Bedarf für weitere Fahrten wohl eher abschätzen können als für einen ganzen Monat) ist der Nutzen begrenzt.

Prinzipiell finde ich eine „Any“-Funktion gut, habe die App aber nicht mehr genutzt. Der Grund war vor einigen Monaten ein technischer Defekt. Die Fahrt von Lüneburg nach Hamburg ging noch über die Any-App, im Hbf war sie blockiert, keine Verbindung mehr, so die Anzeige. Mußten wir uns also für die Fahrten in HH und für die Rückfahrt extra eine Gruppen-TK kaufen, da wir nicht als Schwarzfahrer unterwegs sein wollten. Wurde insgesamt teurer als wie eine Gruppen-TK, da die Fahrt über das Any-System natürlich berechnet wurde. Seitdem sicherheitshalber nur noch über die normale App mit herkömmlichen Vorab-Kauf.

Danke! Danke! Danke!
So geht investigativer Journalismus!

Übrigens nicht nur in Metropolen gibt es so etwas. Vor Jahren schon sind mir in Dänemark auch auf den Bahnsteigen auf dem „flachen Land“ zwischen Vordingborg, Ringsted, Roskilde und Kalundborg die roten und blauen Lampen für die Zugangserfassung aufgefallen.

Und ich frage mich immer wieder: Warum ist es in dieser Stadt immer so, wie es immer ist? Und warum erwarte ich dieses immer wieder? Dass eine neue >hvv Chefetage so wird, wie die vorherige, dass es immer wieder den gleichen Verkehrssenator geben wird, dass bestimmte Projekte (egal ob beim Bau oder hier beim Programmieren) zum Flop werden,…

In Dänemark lief übrigens die Einführung der Rejsekort mit den blauen CiCo-Säulen keineswegs glatt und sie kam auch sehr verspätet. Das Checkout war bei der Einführung wohl auch nicht direkt populär. Bei der Akzeptanz spielt sicher eine Rolle, ob jeweils ein Schnellbahnsystem mit schon lange etablierten automatischen Sperren eine zentrale Rolle spielt. Das war weder in Hamburg noch in Kopenhagen der Fall.

Vielen Dank für diese Recherche! Für solche stark ausgefeilten kritischen Stücke zahle ich gern mein Abo. Vielleicht können Sie das Fazit ja mal an den NDR und/oder das Abendblatt spielen?

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