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Katja Diel zur Verkehrswende in Hamburg: „Wow, was ist denn hier passiert?“

Drei Fragen an Bestseller-Autorin und Mobilitäts-Beraterin Katja Diehl, wie gut die Verkehrswende in Hamburg aus Ihrer Sicht vorangekommen ist, was sie kritisch sieht und von welchen Positiv-Beispielen aus anderen Städten Hamburg lernen könnte.
Christian Hinkelmann
Buchautorin und Mobilitäts-Beraterin Katja Diehl.
Buchautorin und Mobilitäts-Beraterin Katja Diehl.
Foto: Marc Eckardt

Katja Diehl hat jahrelang für ein Verkehrsunternehmen in Niedersachsen gearbeitet und sich intensiv mit dem Thema Mobilität beschäftigt. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie ihren Bestseller „Autokorrektur“. Heute erscheint nun ihr zweites Buch: „Raus aus der Autokratie – rein in die Mobilität von morgen“. Darin spricht die in Hamburg lebende Mobilitäts-Beraterin mit verschiedenen Fachleuten darüber, wie sie die Verkehrswende vorantreiben und zeigt konkrete Konzepte und Ideen auf.

Im Kurz-Interview mit NAHVERKEHR HAMBURG bewertet sie, wie gut die Verkehrswende in Hamburg vorankommt und gibt dem häufig kritisierten Verkehrssenator Anjes Tjarks gute Noten.

NAHVERKEHR HAMBURG: Sie kennen viele Städte, sprechen mit vielen Menschen, und sind auf zahlreichen Veranstaltungen rund um Mobilität unterwegs. Welche Positiv-Beispiele haben Sie in Bezug auf die Verkehrswende gesehen, bei denen Sie sagen: „Das wäre auch was für Hamburg“?

Katja Diehl: Da fallen mir durchaus mehrere ein. Das, was uns in Deutschland vor allem fehlt, ist diese eine Vorbildstadt, die vieles richtig macht, wie beispielsweise Paris in Frankreich. Die schaffen es, mehr Menschen mit dem Fahrrad zu bewegen als mit dem Auto. Aber es gibt auch in Deutschland Städte, die bestimmte Details richtig machen. Ein Beispiel in meinem Buch ist die Stadt Nordhorn. Stadtbaurat Thimo Weitemeier hat es geschafft, den Radanteil am Modal-Split in Nordhorn auf 40 Prozent zu erhöhen, was eine wahnsinnige Zahl ist (Anm. d. Red: In Hamburg liegt der Radverkehrsanteil bei 22 Prozent). Als Weitemeier vor zehn Jahren in Nordhorn anfing, hat er gesagt: „Ich verdichte die Stadt, ich lasse sie nicht mehr, wie in anderen Städten, heraus mäandern mit Neubaugebieten und noch längeren Wegen.“ Da hat er erst einmal Luftaufnahmen der Stadt gemacht und die Flächen analysiert. Er trat seine Stelle mit dem festen Vorsatz an, nur im Innenbereich weiterzuentwickeln, Brachflächen aufzufinden und zu bebauen und somit das zu unterbinden, was leider täglich noch geschieht. Er hat auch gesagt: „Radfahren muss das allerschönste sein, was man in Nordhorn machen kann.“ Und tatsächlich: Wenn man in Nordhorn mit dem Rad unterwegs ist, fährt man an unfassbar schönen Wegen an den Kanälen entlang, was die Leute auch auf das Rad lockt. Und das Tolle daran ist, dass man fast unterbrechungsfrei vorankommt, wie in den Niederlanden. In den meisten deutschen Städten werden Radfahrende dagegen immer wieder an Ampeln und Kreuzungen ausgebremst. Ein weiteres Positiv-Beispiel ist für mich die Region Hannover, die unter anderem entschieden hat, den On-Demand-Bus Sprinti auf eigene Kappe weiterzuführen. Dort wurden die Bundesfördermittel nicht verlängert, obwohl es eine riesige Nachfrage gibt. 4.000 Leute fahren da mittlerweile täglich.

NAHVERKEHR HAMBURG: Wo und in welchen Bereichen hat sich die Verkehrswende in Hamburg aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren gut entwickelt und was sehen Sie kritisch?

Diehl: Positiv finde ich vor allem die Radverkehrspolitik von Verkehrssenator Anjes Tjarks von den Grünen. Tjarks hat Leuchttürme gesetzt. Er hat die Zahl der Radfahrenden gesteigert. Der Erfolg gibt ihm recht. Die neuen Radwege und Fahrradstraßen rund um die Alster sind für mich beispielsweise ein echtes Highlight. Als ich das erste Mal dort fuhr, dachte ich „Wow, was ist denn hier passiert?“ Auch die Pläne für ein autoarmes Ottensen halte ich für eine gute Idee. Dort wurden bereits einzelne Parkplätze für Autos rausgenommen und durch Abstellplätze für Fahrräder ersetzt. Auch die neu geschaffenen Sitzgelegenheiten dort finde ich großartig. Wenn man mal, wie ich nach einer Knie-OP, mit Krücken durch die Gegend läuft, dann weiß man jede Bank zu schätzen, auf der man sich mal ausruhen kann. Auch das ist für mich ein Teil der Mobilitätswende, dass man sich komfortabel im öffentlichen Raum aufhalten kann. Paris ist da ein gutes Vorbild, wo es beispielsweise viele öffentliche Toiletten und Sitzgelegenheiten im Schatten gibt. Natürlich ist die Mobilitätswende für Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks auch eine große Herausforderung. Er kann nicht von jetzt auf gleich alles anders machen. Was mich an seiner Politik irritiert, sind die Pläne für das autonome Fahren. Ich habe das auch in meinem Buch thematisiert. Für mich ist das keine Lösung für die breite Masse – vor allem nicht im urbanen Bereich. Ich sehe dort keinen Nutzen, außer vielleicht für Menschen mit Behinderungen. Ich kann mir außerdem vorstellen, dass nachts Car-Sharing-Autos autonom zu den Leuten fahren oder fahrerlos Paketboxen und Supermarktlieferungen durch die Stadt bewegen. Aber von der Idee, bis zu 10.000 autonome Shuttles durch Hamburg fahren zu lassen, halte ich nichts.

NAHVERKEHR HAMBURG: Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo sehen Sie Hamburg in Bezug auf die Verkehrswende und warum?

Diehl: Schwer zu sagen. Eine Sechs, Sieben. Das liegt vor allem daran, dass unser Verkehrswende-Senator, wie er sich auch nennt, selbst Papa ist und Rad fährt. Das merkt man seiner Politik einfach an. Der sitzt nicht in einem Fond eines Autos, sondern weiß, wo die Probleme außerhalb des Pkw liegen. Aus meiner Sicht macht er das, was in seiner Macht steht, ziemlich gut möglich.

NAHVERKEHR HAMBURG: Vielen Dank für das Gespräch.

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Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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10 Antworten auf „Katja Diel zur Verkehrswende in Hamburg: „Wow, was ist denn hier passiert?““

Ich stimme Linie 15 zu, sehr schöner Werbeartikel für das Buch der Dame und für Anjes Tjarks. Die Dame kann auch mal über Vechta (wo ich zur Schule gegangen bin) berichten, das ist noch kleiner als Nordhorn. Da kann man auch super Fahrrad fahren.

Dank Corona und des dadurch bei uns im Betrieb entstandenen Home Office brauch ich zum Glück kein Fahrrad mehr für Fahrten ins Büro, Radfahren ist meiner bescheidenen Meinung nach in Hamburg lebensgefährlich (was nicht nur an den Autofahrern, sondern auch an der schlechten Infrastruktur und auch an anderen Radfahrern liegt). Zu den wenigen Präsenztagen im Büro (ca. 3 pro Monat) fahre ich mittlerweile bevorzugt mit dem Taxi. Die Metrobus-Linie 18 ist mir auf dem Weg ins Büro mittlerweile zu anstrengend geworden (zu voll und gefühlt 110 Dezibel Lärmbelästigung durch schreiende Kinder oder TikTok-gesteuerte Teenager-Gruppen). Schade dass der 37er Schnellbus weg ist, da hatte man immer seine Ruhe, dafür hab ich gerne den Zuschlag bezahlt.

Also, mich hat dieses Interview(?) schwer enttäuscht und musste mich nochmal vergewissern, dass ich auch wirklich Nahverkehr Hamburg angeklickt habe. 🙁 Mir geht’s da wie „Linie 15“.

Damit es wieder interessanter wird, hier ein Tipp für eine Hintergrundrecherche 😉: der Ausfall der >hvv App durch Hackerangriff gestern. Vor allem: Was bedeutet das für Menschen, die nicht an jeder (oder jeden zweiten) Bushaltestelle einen Fahrkartenautomaten oder in der Nähe eine Schnellbahnstation haben, und auch nicht mal „auf die Schnelle“ eine Prepaidkarte kaufen können oder das auch nicht möchten (weil sie die App nutzen) und sich auch nicht diese „MOIA-oder-was-auch-immer-Promotionapp“ installieren wollen. Also z.B. sämtliche Fahrgäste der Linie 9 ohne Abokarte, die nicht im Bereich Wandsbek Markt, Bahnhof Tonndorf oder Bahnhof Rahlstedt wohnen.

Sprints in Hannover kostet jährlich 24 Mio EUR bei 5,5 Mio. EUR Einsparungen im Busverkehr.
Also jährlich 18,5 Mio EUR bei etwa 1 Mio. Fahrgästen (4.000 * 260 Tage).

Ob man sich das im großen Maßstab leisten will?

Verkehrspolitik erschöpft sich darin, die negativen Symptome zunehmenden Verkehrs zu lindern. Wir müssen aber an die Ursachen heran. Und so sollte der Verkehr konsequent verringert werden.

1. Homeoffice (Telearbeit) wo immer und so oft es geht
2. Telemedizin nicht nur auf dem Lande, sondern auch in der Großstadt
3. Keine weiteren großen Märkte/Einkaufszentren mehr mit Pull-Effekten weit über die Region hinaus, sondern die Nahversorgung fördern

Ganz falsch ist es, durch preisgünstige oder gar kostenlose Angebote die Nutzung des ÖPNV zu fördern. Denn das verringert die Mobiltät nicht, sondern führt zu mehr Mobilität.

das Problem ist, daß die Mobilität nicht sinken wird, aber bei mangelnden Investitionen in einen attraktiven ÖPNV sich weiter auf das Auto verlagert. Und Ihre restlichen Thesen widersprechen die Steigerungsraten des HVV seit der Einführung des 49 EURO Tickets.

Volle Zustimmung! Leider passiert gerade das Gegenteil. Täglich machen Läden oder Cafes, Bistros usw. zu. All dies sorgt nur für noch mehr Verkehr, vor allem auf dem Land. Dabei gibt es zu weniger Verkehr gar keine Alternativen mehr.

Die deutsche ÖPNV-Branche hat letzte Woche auf der polis mobility in Köln eingeräumt, dass ÖPNV-Ausbau auf absehbare Zeit erledigt und schon der Bestandserhalt fraglich ist! Das Versprechen einer Verkehrswende durch Verlagerung müsse zurückgenommen werden. Damit erledigen sich viele Vorschläge von Frau Diehl auch, die noch auf dem Ausbau des ÖPNV aufbauen.

was die Situation an der Außenalster angeht, bin ich was die Strecke von Schwanenwik zur Lombardsbrücke rechts von der Straße nicht wirklich begeistert: Das ist mehr eine Selbstmordveranstaltung und gerade einmal vor 10 Tagen ist ja auch dort fast ein Radfahrer draufgegangen bei einem Zusammenstoß. Generell finde ich Städtevergleiche auch schwierig insb. auch dann, wenn man eine Zwei Millionen Stadt mit einer Stadt mit 57.090 vergleicht, die zu dem was die Fläche angeht, bei mehr als 140 qkm auch erheblich weniger besiedelt ist als Hamburg.

Wow, was für eine Top-Mobilitätsberaterin. Nordhorn als Vorbild für Hamburg und die Radwege um die Alster sind toll. Und Bänke in der Stadt auch. Ist dieses Interview Realsatire? Ich bin erstmals von einem Artikel hier enttäuscht.

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