Der Lübecker Hauptbahnhof ist nach Kiel der zweitgrößte Bahnknoten Schleswig-Holsteins. Jeden Tag steigen hier rund 31.000 Menschen ein, aus oder um. Acht Regionalzuglinien kommen aus allen Himmelsrichtungen zusammen, zudem gibt es spärlichen Fernverkehr und viele Güterzüge von und zu den Lübecker Häfen, die ebenfalls durch den Hauptbahnhof müssen.
Und dabei soll es in den nächsten Jahren nicht bleiben: Sobald der Fehmarnbelttunnel nach Dänemark eröffnet wird, soll fast der gesamte deutsche Skandinavien-Bahnverkehr via Lübeck abgewickelt werden. Außerdem wird zusätzlicher Güterverkehr zu den Lübecker Häfen erwartet und die Stadt Lübeck würde außerdem noch gern den Regionalverkehr rund um die Stadt ausbauen.
Schon lange weist die Hansestadt an der Trave darauf hin, dass der bisherige Schienenknoten dafür kaum ausreichen und zum Flaschenhals werden dürfte.
Jetzt hat die Deutsche Bahn offenbar endlich reagiert und einen lang geforderten Stresstest durchgeführt. Das Ergebnis schmeckt der Lübecker Baubehörde allerdings überhaupt nicht. Sie kritisiert die Untersuchung scharf und wirft der Deutschen Bahn Tricksereien vor.
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Es ist ein Wort, mit dem Laien nicht viel anfangen können: „Eisenbahnbetriebswissenschaftliche Untersuchung“ – kurz: EBWU. Einfach ausgedrückt verbirgt sich hinter diesem sperrigen Begriff eine Art Stresstest. Eine Analyse, die untersucht, wie gut eine Eisenbahnanlage funktioniert und wie zuverlässig sich in Simulationen verschiedene Fahrplanszenarien fahren lassen.
Und genau das hat die Deutsche Bahn-Tochter DB Infrago jetzt offenbar in Lübeck durchgespielt. Damit sollte geklärt werden, ob die geplante Infrastruktur in und um Lübeck den künftigen Anforderungen des Deutschlandtaktes, der neuen Festen Fehmarnbeltquerung (FFBQ) und künftiger Pläne für den Nahverkehrsausbau gewachsen ist.
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4 Antworten auf „Lübeck kritisiert: Deutsche Bahn trickst bei Stresstest“
Es müßte längst ein viergleisiger Ausbau der Strecke des Abschnittes Hamburg Lübeck geplant werden und 2029 wäre die Gelegenheit, daß auch in Bereichen umzusetzen. Stattdessen gibt es eine Planfeststellung für einen achtspurigen Ausbau der Autobahn im Bereich Hamburg nach Lübeck. Und das nennt sich dann Verkehrswende.
Naja, immerhin ist ja südlich von Lübeck ausreichend Infrastruktur vorhanden. Die zusätzlichen Güterverkehre können natürlich problemlos über den besonders leistungsfähigen Knoten Hamburg abgefahren werden. Und selbst wenn diese Überkapazität in hundert Jahren mal nicht mehr ausreicht, gibt es ja noch die kaum genutzten und großzügig ausgebauten Strecken nach Büchen und Bad Kleinen
(Ja, da könnte böser Sarkasmus mit drin sein).
Kein gutes Zeichen, wenn die Bahn lieber Angebote kürzt, statt den Ausbau voranzutreiben, wo es doch ausnahmsweise sogar die betroffene Stadt einfordert, statt sich querzulegen.
Meines Erachtens müsste man langsam aber sicher auch die Personalien Ute Plambeck, als Konzernbevollmächtigte für Hamburg und SH hinterfragen.
Wenn man sich die aktuell feststeckenden Projekte im Norden anschaut, finde ich es schon recht bedenklich, dass hier nicht mal an höhere Stelle Druck gemacht wird.
Ich freue mich, dass ihr einen ausführlichen Artikel dazu geschrieben habt. Über unsere Nachbarhansestadt im Nordosten liest man in Nahverkehrsmedien meist wenig. (Und dabei gehörte sie früher sogar mal zusammen mit Hamburg zum „Wendischen Quartier“ der Hanse.)
„Mit der Inbetriebnahme der Festen Fehmarnbeltquerung werde der Schienenverkehr in der Region weiter zunehmen, da eine zentrale europäische Verkehrsachse nach Skandinavien entstehe.“ Das, zusammen mit dem Hinweis, dass in Zukunft fast der gesamte Skandinavienverkehr über die Achse Hamburg-Lübeck laufen wird, ist der entscheidende Punkt.
Aber offenbar wird, vergleichbar mit dem Hamburger Osten, auch die künftige zentrale verkehrliche Bedeutung des schleswig-holsteinischen Osten einfach nicht wahrgenommen. Während immer noch lang und breit über den VET diskutiert wird, sieht man einfach nicht, dass an anderer Stelle im Bahnnetz etwas getan werden muss. Und da ist die S4 nur ein Aspekt von mehreren.
Während sogar über eine Direktverbindung nach London siniert wird, wird dem internationalen Verkehr in die skandinavischen Länder, ähnlich, wie nach Polen und Tschechien, einfach nicht die Bedeutung zuerkannt, die er eigentlich haben müsste.