Mobilitätsforscher: „On-Demand-Shuttles und Carsharing-Anbieter werden Corona nicht überleben“

Der Mobilitätsforscher Andreas Knie über Chancen, die sich im Verkehrsbereich aus der Corona-Krise ergeben und warum On-Demand-Shuttle- und Carsharing-Dienste vermutlich nicht überleben werden.
Fotomontage: Ein Moia-Shuttle in Hamburg und Prof. Dr. Andreas Knie
Fotomontage: Ein Moia-Shuttle in Hamburg und Prof. Dr. Andreas Knie

Deutschland fährt runter! Quasi über Nacht haben wir unser Mobilitätsverhalten radikal verändert: Homeoffice statt Pendler-Stau, Online-Unterricht statt Schulbus, Videokonferenz statt Dienstreise mit dem Zug.

Die Corona-Krise hat uns innerhalb weniger Tage vor Augen geführt, dass offenbar längst nicht jede Fahrt, die wir bisher wie selbstverständlich getätigt hatten, auch wirklich nötig war.

Der Mobilitätsforscher und Soziologe Prof. Dr. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum in Berlin und Professor für Soziologie an der TU Berlin erklärt im NahverkehrHAMBURG-Interview, wie sich unser Mobilitätsverhalten durch die Corona-Krise nachhaltig verändern könnte und warum privatwirtschaftlich finanzierten Mobilitätsdienstleister, wie Moia, Clevershuttle, Share Now & Co., die Krise möglicherweise nicht überleben werden.

NahverkehrHAMBURG: Herr Knie, wird die Corona-Krise für unser Mobilitätsverhalten langfristig eher eine Chance oder ein Unglück bedeuten?

Andreas Knie: Es ist Beides! Es ist natürlich eine Krise, weil die gesamte Mobilitätsbranche, vom öffentlichen Nahverkehr über private Verkehrsunternehmen, Taxiunternehmen, Mietwagenfirmen bis hin zu Automobilherstellern gerade einen Zusammenbruch ihrer Geschäfte erleben. Wenn die Corona-Krise länger dauert, wird davon nicht mehr viel übrig bleiben. Anderseits machen wir aber auch gerade ein soziales Experiment durch, indem wir derzeit gezwungen sind, uns zu fragen, welche Wege wir unbedingt machen müssen und was wir möglicherweise auch anders organisieren können – Stichwort: Homeoffice. Wir erfahren gerade real, wie viel Beweglichkeit wir tatsächlich brauchen. Da sehe ich eine große Chance.

NahverkehrHAMBURG: Und was sollten wir tun, um diese Chance zu ergreifen?

Knie: Wir brauchen jetzt einen großen gesellschaftlichen Diskurs. Es müssen jetzt die relevanten Player aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zusammenkommen, um genau zu schauen, dass wir unser derzeit heruntergefahrenes Leben nach der Corona-Krise nicht 1:1 wieder hochfahren, sondern bestimmte Dinge anders machen als vorher. Das heißt, dass wir beispielsweise die Chance nutzen sollten, den öffentlichen Verkehrssektor neu aufzustellen und statt Abwrackprämien für Alt-Autos nur noch Elektroautos zu fördern. Und wir sollten verhindern, dass die Politik in den kommenden Jahren ihre ganze Priorität allein auf die Ankurbelung der Wirtschaft legt und unpopuläre Abgaben, wie die Co2-Steuer, aussetzt oder minimiert.

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12 Antworten auf „Mobilitätsforscher: „On-Demand-Shuttles und Carsharing-Anbieter werden Corona nicht überleben““

Ich bin glücklich, dass uns Herr Prof. Knie deutlich sagt, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist. Und das gänzlich ohne Bewertungsmaßstäbe, also wozu etwas gut oder schlecht ist, oder zur Erreichung welcher Zieles etwas richtig oder falsch ist. Danke, Herr Prof. Knie, für diese unideologische Einschätzung!

Der hängt doch mental noch in dem Vor-Corona-Denken und realisiert gar nicht, dass nicht nur Carsharing und Co. kaum Überlebenschancen haben, sondern bei diesem historischen Wirtschaftseinbruch auch die ganzen subventionierten Branchen und Produkte zur Diskussion gestellt werden müssen (Wind- und Solarenergie, E-Autos, kostenfreier ÖPNV usw.).

Gesamthaftes ÖPNV-Angebot inkl. On-Demand-Angebote, da lachen ja die Hühner. Der Markt war bisher mit Mio.-Subventionen durch Großkonzerne und Fördergelder kaum vorhanden und ist Post-Corona sowas von mausetot. Die Menschen werden ganz allein aus finanziellen Gründen wieder mehr Demut zeigen (müssen) sowie mehr und weitere Wege zu Fuss gehen oder mit dem Rad fahren, Jobs in geringeren Entfernungen zur Wohnstätte annehmen, kleinere Autos fahren, den Zweitwagen abschaffen usw.

Auch die ganzen Quatschbuden an den Hochschulen inkl. des von Herrn Knie geleiteten und von der DB mitfinanzierten Instituts werden auf dem Prüfstand stehen.

Die Frage ist ob wir uns ÖPNV noch leisten können und wollen und was stattdessen dann kein Geld erhält.

Heute hat der Londoner Bürgermeister an die Bevölkerung appelliert, nicht mit der U-Bahn zu fahren. Berliner Mediziner rieten im Februar schon ähnliches und da ging es um die Grippe. Ein Verkehrsmittel, das vier oder acht Wochen im Jahr nicht sicher benutzbar ist, ist nicht krisenfest. So oder so muss ein Ersatzsystem vorgehalten werden (Rad, Laufen, Auto). Die Konsequenzen daraus sind noch nicht absehbar, wenn man außerdem noch den Klimawandel berücksichtigt. Im besten Fall bedeutet dies eine Rückkehr zu Siedlungsstrukturen kurzer Alltagswege, wie es Ende des 19. Jahrhunderts der Fall war. Da reichten dann allerdings Straßenbahnwagen mit einem Fassungsvermögen aus, das dem eines Zweiachs-Busses entspricht.

Es könnte daher ökologisch viel sinnvoller sein, Home-Office-Strukturen zu fördern, als teuren ÖPNV-Ausbau. Wer zu Hause oder nah an zu Hause arbeiten kann (“Co-Working-Space”) spart täglich viel Zeit und schon die Umwelt und entlastet die überfüllten Busse und Bahnen.

Hinter Ride-Pooling stand die Vorstellung, dass man in 99 Prozent aller Fälle die normale Nachfrage mit optimierten Fahrtrouten abdecken könnte. Die Gesellschaft lernt gerade, dass die restlichen 1 Prozent trotzdem nicht vernachlässigt werden dürfen und die Annahme “99 Prozent” völlig naiv war. Auch das wird Auswirkungen haben, wie wir künftig Nutzen und Risiken einschätzen werden.

Klotzen im ÖPNV? Wenn Herr Knie sagt, woher das Geld kommen soll… Ohne Rettung der steuerlich und wirtschaftlich systemrelevanten deutschen Autoindustrie würde ein Domino-Effekt eintreten, der alles umwerfen kann. Dann wäre ÖPNV vergleichsweise ein Luxusproblem. Das nächste Problem ist dann, dass man zur Rettung der Auto-Industrie auch Absatz und Anwendung des Autos braucht. Bitte mit Wasserstoffantrieb. Die Zukunft kann eigentlich nur sein, die lebensfähigen ÖPNV-Elemente mit Auto und einem evtl. subventionierten Taxidienst zu verzahnen und dabei genug Redundanzen einzubauen.

Die Zukunft der Eisenbahn hängt davon ab, ob sie bei der Re-Organisation der Logistik-Ketten mistpielen kann (Güterverkehr), nachdem sie 25 Jahre kaputt gespart wurde und es viel Geld kostet und zu viel Zeit braucht, bis fehlenden Einrichtungen (die gute alte Güterabfertigung in der Fläche) und Kapazitäten nachgerüstet werden könnten.

Eigentlich sind das ja gute Nachrichten. Ich merke ja selbst, wie dünn der Kfz-Verkehr geworden ist, obwohl jetzt fast 100% der Wege nicht mit Bus und Bahn zurückgelegt werden. Und MOIA war einfach nur “heiße-Luft-durch-die Stadt-fahren”. Wenn dann noch die E-Scouter unter die Räder kommen, knallen bei mir und vielen Anderen die Korken. Aber die Abnahme der Verkehrs insgesamt beruht eben nicht nur auf Home-Office und weniger Dienstreisen, sondern auch auf (noch) versteckter neuer Arbeitslosigkeit. Gruselig.

M.E. wird auch der Automarkt jetzt total zusammenbrechen , weil die Firmenwagen sicher weniger hipp sein werden als vor Corona und für eine Abwrackpremie wohl schlicht kein geld mehr da sein wird (beim Staat und beim Verbraucher). Das ist gut für den Verkehr, weil dann die übermotorisierten deutschen Geschosse langsam aus dem Straßenbild verschwinden, hat aber angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich eine Entwicklung vollziehen wird, die bisher bis 2030, 2050 und noch länger gestreckt werden sollte, heftige wirtschaftliche und soziale Nebenwirkungen, an die ich überhaupt nicht zu denken wage.

On- Demand als Teil vom ÖPNV existiert schon und gibt hunderttausenden sichere Jobs – Taxis. Hier sollte der Staat nicht kleckern sondern klotzen und Subventionieren und Hilfe anbieten.

On- Demand Shuttles braucht niemand und will niemand, außer die werden mit unserem Steuergeld künstlich Subventioniert. Eine wirtschaftliche Katastrophe und unendliche Steuergeld- Verschwendung auf Listen der KMUs im Taxisektor.

Diese müssen jetzt wegen dem Ausfall durch Corona aufgeben, auch auf den ländlichem Bereich (Grundversorgung), wofür die überhaupt nichts können und zweitens mit den On- Demand Price- Dumping mithalten, die 50% günstiger sind.

Daimlers FreeNow (oder VWs MOIA) sind ja nichts anderes als Steuergelder durch die stark subventionierte deutsche Automobilindustrie.

Bitte dann ggü. KMUs auch so fair sein und die Subventionen vom ÖPNV, Daimler oder der DB streichen, wenn diese in On Demand Diensten verschwendet werden, um KMUs durch Preisdumping zu verdrängen.

Denn wer zählt dann am Ende die Steuern. Die hochsubventionierten Konzerne wie DB mit Sicherheit nicht. Und auch nicht der ÖPNV.

Indirekte Subventionierung durch defakto meines Erachtens Steuerbetrug durch Unternehmer wie Uber aber auch FreeNow ist ebenfalls ein No-go und diese Steuerschlupflöcher und Sozialbetrug wird post- Corona hoffentlich endlich nach Jahren kontrolliert und korrekt versteuert, wie auch in allen anderen Branchen üblich.

Na, da werden aber Sachen durcheinander gebracht. Was hat die FreeNow Taxi-App mit dem Moia Shuttleservice zu tun?

Selbstverständlich werden Technologien, die das Angebot dynamisch an den Bedarf anpassen einen Boom erleben. Shared on-demand ist jetzt schon ein unverzichtbarer Teil des ÖPNV wo (bzw. in Zeiten, in denen) die Verkehrsdichte keinen rationalen Linienbetrieb ermöglicht.

Siehe ioki Shuttle in Osdorf, Lurup und Billbrook bzw. Moia für dünne Nachtverkehre. Natürlich im HVV-Tarif, eigenwirtschaftlich ist der Preisvorteil gegenüber Taxi oder Uber einfach nicht attraktiv genug.

Hinweis: Free Now bietet über den klassischen Taxidienst hinaus auch einen Ridesharing-Service an. Darauf bezieht sich die Angabe.

“privatwirtschaftlich organisierten Mobilitätsdiensten”

Und das war auch schon der Herzensteil des Verkehrswendekonzept des Senats für die “intelligente” Autostadt 2.0. Die streberhaft vorauseilende wirtschaftsfreundliche Art hat zum Glück auch nicht für die IAA gereicht. Die zu erwartenden Proteste hätte die IAA auch nicht ausgehalten. Eine weitere inhaltliche wie politische Fehleinschätzung des Senats.

Autostadt 2.0 ist nicht nett ausgedrückt, trifft es aber. Hamburg selbst beschreibt das wie folgt:
“Hamburg setzt beim Verkehr der Zukunft auf intelligente Verkehrssysteme.” Dazu gibt es wie gewohnt viele bunte Hochglanzbroschüren und wenig echten Fortschritt. Echter Fortschritt wäre die Verkehrsvermeidung. Was da alles geht, sieht man jetzt. Und das nun bitte ohne die begleitenden Einbrüche der Wirtschaftstätigkeit. Schwierig, aber das zu planen wäre sicher lohnender, als die Vorbereitung eines “its-Weltkongresses”, der dann ohnehin nicht stattfindet und, falls doch, nix außer Spesen produziert (darauf sind solche Veranstaltungen ja angelegt: Bürgermeister vorzeigen, am besten im Fernsehen, ein paar Sprüche klopfen und dazu ein wichtiges Gesicht machen und Rahmenprogramm genießen).

Abgesehen davon, dass alles nur Vermutungen sind, wird keine einzige von dem Herrn auch mal begründet. So viel „wahrscheinlich“ „könnte“ „wird wohl“ „ich glaube“…. dieses Interview hätte man sich schenken können. Dazu wird in der Kürze ernsthaft versucht die Tragweite der aktuellen Krise und ihrer Folgen auszuloten. Dilettantisch. Bisher der wohl schlechteste Beitrag, den ich bei NahverkehrHAMBURG gelesen habe.

Ich kann Ihren fragwürdigen Kommentar keinesfalls nachvollziehen. Natürlich kann ein seriöser Forscher in diesem frühen Stadium – am Beginn der Krise – nur mit seinem persönlichen Blick in die Glaskugel antworten und muss seine Vermutungen mit “wahrscheinlich”, “könnte” und “möglicherweise” absichern, wenn er zu solchen Zukunftsthemen befragt wird.

Umgekehrt würde er auf mich hochgradig unseriös wirken, wenn er solche einschränkenden Formulierungen nicht genutzt hätte und seinen persönlichen Glaskugel-Blick hier als gesicherte Wahrheit verkauft hätte, Insofern: Alles richtig gemacht.
Ausdrücklichen Dank an das Nahverkehrhamburg-Team für dieses Interview!!

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