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Die Spatzen pfiffen es schon lange vom Dach – jetzt hat es die Deutsche Bahn auch offiziell eingestanden: Der neue Fernbahnhof Altona wird nicht pünktlich fertig.
Die für Ende 2027 geplante Eröffnung verschiebt sich nach derzeitigem Stand auf mindestens Dezember 2029. Das teilte die Deutsche Bahn mit.
Wer sich die Baustelle in den vergangenen Monaten angeschaut hatte, dürfte wenig überrascht sein: Knapp vier Jahre nach Baubeginn ist von dem neuen Regional- und Fernbahnhof nämlich noch nichts zu sehen – abgesehen von einem S-Bahnsteig. Keine Bahnsteige, keine Gebäude. Nur ein paar Spundwände, Kabelkanäle und Baustraßen neben den vielen Gleisen. Bauarbeiter waren bei mehreren Ortsbesuchen von NAHVERKEHR HAMBURG in den vergangenen Monaten kaum zu sehen. Sichtbare Fortschritte auch nicht.
Im Gegenteil: Die Baustelle wirkte im Sommer verlassen. Auf einigen Sandbergen wucherte schon Unkraut. Die letzte Ankündigung von Bauaktivitäten gegenüber den Anwohnerinnen und Anwohnern stammt aus dem Juni und bezieht sich lediglich auf Schleif- und Stopfarbeiten an Schienen. Seitdem werden auf der Projektwebsite der DB keine Neuigkeiten mehr genannt.
Im Juni rechnete NAHVERKEHR HAMBURG bereits detailliert vor, dass die Arbeiten dem ursprünglichen Zeitplan um mindestens 15 Monate hinterherhängen und eine pünktliche Eröffnung des Bahnhofs Ende 2027 realistisch betrachtet nahezu ausgeschlossen sei.
Doch davon wollte die Deutsche Bahn damals nichts wissen und hielt offiziell weiter am Eröffnungsdatum 2027 fest.
Jetzt also die plötzliche Kehrtwende. Vielleicht war der politische Druck zuletzt einfach zu groß. Vielleicht ist es auch Bestandteil der neuen Kommunikationsoffensive von Bahnchefin Evelyn Palla, die auf mehr Transparenz setzen soll.
Heute Vormittag informierte die Deutsche Bahn offiziell per Pressemitteilung über die Verzögerungen. Gestern Abend war der Verkehrsclub Deutschland bereits vorab informiert worden. Der VCD hatte einst gegen den Bahnhofsbau geklagt und ließ die Klage im Rahmen eines Kompromisses fallen. Seitdem sitzt er zusammen mit der Deutschen Bahn und der Stadt Hamburg in einem Dialogforum.
„Die Hintergründe sind Verzögerungen durch Komplikationen im Bauablauf, insbesondere am Kreuzungsbauwerk Langenfelde“, schreibt die Bahn in ihrer Mitteilung. Bei einer Schadstoffprüfung sei festgestellt worden, dass das Bauwerk mit Asbest und Blei belastet sei. Der geplante Abriss werde somit deutlich aufwändiger.
„Daraus ergibt sich ein neuer Zeitplan, für den noch speziell ausgebildete Prüfingenieure in bestimmten Phasen gebunden werden müssen.“ Außerdem müssten die erforderlichen Sperrpausen, also Zeiten, in denen kein Bahnbetrieb läuft, nun neu vereinbart werden.
Als weitere Gründe führt die Deutsche Bahn den umfangreichen Umbau von drei Stellwerken und einen Stellwerksneubau an, bevor der neue Bahnhof in Betrieb gehen kann. Dafür seien noch keine Prüfingenieure gefunden worden.
Zudem wurde für den Bau des ersten Fernbahnsteigs erst jetzt ein Bauunternehmen gefunden.
Generalsanierungen sind offenbar schuld
Doch es gibt offenbar noch einen anderen gewichtigen Grund dafür, warum der Zeitplan auf der Bahnhofsbaustelle in den vergangenen Monaten zunehmend aus dem Ruder lief. Offiziell nennt ihn die Deutsche Bahn nicht, aber nach NAHVERKEHR HAMBURG-Informationen sind es die Generalsanierungen bei der DB. Sie sollen alle Kapazitäten verbraucht haben.
Es ist noch viel zu tun
Jedenfalls hat die Deutsche Bahn noch viel zu tun, bis der neue Fernbahnhof Altona eröffnet werden kann: Alle drei Fernbahnsteige müssen noch gebaut werden, was nur nacheinander geht, um den Fern- und Regionalzugverkehr zwischen Hamburg und Pinneberg nicht komplett lahmzulegen.
Der Bau ist kompliziert, denn die vielen Gleise, die durch den künftigen Bahnhof verlaufen, befinden sich auf verschiedenen Geländehöhen und liegen teilweise so dicht beieinander, dass keine Bahnsteige dazwischenpassen. Das bedeutet: Bevor die Plattformen überhaupt gebaut werden können, müssen schrittweise alle Gleise demontiert, das Gelände auf ein einheitliches Niveau gebracht und neue Schienen mit ausreichend Abstand verlegt werden. Die Deutsche Bahn hat also noch gewaltige Erdbewegungen und Gleisarbeiten vor sich. Eine Mammutaufgabe, die hauptsächlich bei laufendem Bahnbetrieb stattfinden soll.

Erster Bahnsteig sollte schon seit sechs Monaten fertig sein
Nach dem ursprünglichen Bauzeitplan, der NAHVERKEHR HAMBURG vorliegt, sollte der erste Fernbahnsteig eigentlich bereits seit März dieses Jahres komplett fertig sein. Die weiteren Bahnsteige sollten im Jahrestakt folgen.
Auch von den beiden geplanten Bahnhofsgebäuden westlich und östlich der Gleise fehlt bislang jede Spur. Am kleineren Westausgang (am Bahnhof Diebsteich) waren im Juni lediglich Spundwände und ein kurzes Stück eines späteren Fußgängertunnels zu sehen (Fotos hier). Und beim großen Empfangsgebäude mit zwei Hochhäusern auf der Ostseite ist inzwischen sogar unklar, ob es überhaupt noch wie geplant gebaut werden soll.
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) versucht derweil, positive Aspekte in der Negativnachricht zu finden. Der Verband plädiert dafür, die zusätzliche Zeit zu nutzen, um einen weiteren Treppenabgang an den südlichen Bahnsteigenden zur Plöner Straße zu bauen, der die Fußwege für alle Anwohnenden südlich des Bahnhofs verkürzen würde. Dessen Bau war eigentlich erst in einer späteren Ausbaustufe vorgesehen.

Die lange Liste der verspäteten Projekte
Die Verspätung am Bahnhof Altona reiht sich ein in eine lange Liste von Unpünktlichkeiten bei der Deutschen Bahn im Raum Hamburg:
- Der S-Bahnsteig am Rande des neuen Fernbahnhofs ging im Februar 15 Monate verspätet in Betrieb, nachdem die Eröffnung viermal verschoben worden war.
- Der neue S-Bahnhof Ottensen verspätete sich um mehr als drei Jahre, nachdem die DB sechs (!) Eröffnungstermine platzen ließ.
- Der neue S-Bahnhof an den Elbbrücken verspätete sich um ein Jahr und wurde Ende 2019 nur halbfertig eröffnet.
- Die für Ende 2022 versprochene Modernisierung aller S-Bahn-Tunnelstationen in Hamburg ist bis heute nicht fertig und wird – nach zahlreichen Terminverschiebungen – jetzt erst für das Jahr 2028 angepeilt. Sechs Jahre Verspätung.
- Auch die für 2027 angesetzte Generalsanierung der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Lübeck musste die DB um ein Jahr verschieben.
- Selbst der harmlose Bau von fünf provisorischen Treppen am Hamburger Hauptbahnhof überforderte die Deutsche Bahn und dauerte drei Jahre länger als ursprünglich geplant.
- Und auch bei Routine-Brückenbauarbeiten hat die DB inzwischen zunehmend Probleme, ihre Zeitpläne verlässlich einzuhalten. Seit Tagen wird eine Streckenvollsperrung der S-Bahn am Ferdinandstor scheibchenweise immer weiter verlängert. Nachdem die Fahrgäste in den vergangenen Tagen teilweise erst Stunden vorher darüber informiert wurden, gibt die Bahn inzwischen gar keine Zeitprognosen mehr ab. Auch eine geplante Brückenbaustelle entlang der S2 nach Bergedorf in den Hamburger Herbstferien ist inzwischen eine Woche länger angesetzt als ursprünglich zugesagt – obwohl auf der parallel verlaufenden Fernbahnstrecke wegen einer Generalsanierung keine Züge zum Ausweichen fahren.
Das nächste Verspätungsprojekt zeichnet sich schon ab
Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass der Hamburger Senat der Deutschen Bahn erst vor wenigen Tagen den Bau der einst geplanten S-Bahn-Strecke nach Hamburg-Osdorf entzog und den Auftrag lieber der stadteigenen Hochbahn übergab.
Das Signal war deutlich: Die Stadt Hamburg hat das Vertrauen in die DB als verlässlichen Baupartner verloren.
Das nächste große Bahnprojekt in Hamburg, bei dem große Verspätungen drohen, zeichnet sich derweil schon ab: die neue S-Bahnlinie S4 nach Bad Oldesloe. Die Arbeiten dort hängen ihrem ursprünglichen Zeitplan inzwischen bis zu zwei Jahre hinterher, wie NAHVERKEHR HAMBURG kürzlich vorrechnete. Noch hält die DB offiziell am bisherigen Eröffnungsdatum Ende 2027 fest. Noch.
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