Nie gebaut: Hamburgs vergessener S-Bahn-Plan bis zur Ostsee

Hamburgs älteste S-Bahn-Strecke sollte ursprünglich weit über Poppenbüttel hinaus bis nach Bad Segeberg und an die Ostseeküste verlängert werden. Die Trasse ist teilweise bis heute freigehalten und in Bebauungsplänen verankert. So sollte sie verlaufen und so stehen die Chancen, dass sie noch verwirklicht wird.
Thomas Röbke
Hamburgs S-Bahnlinie S1 sollte eigentlich über den Endbahnhof Poppenbüttel hinaus verlängert werden. Die Pläne reichten bis zur Ostsee. Teile der geplanten Trasse sind bis heute unbebaut geblieben – wie dieser Grünstreifen in Poppenbüttel. (Foto: Geoportal Hamburg)
Hamburgs S-Bahnlinie S1 sollte eigentlich über den Endbahnhof Poppenbüttel hinaus verlängert werden. Die Pläne reichten bis zur Ostsee. Teile der geplanten Trasse sind bis heute unbebaut geblieben – wie dieser Grünstreifen in Poppenbüttel. (Foto: Geoportal Hamburg)

Seit mehr als 100 Jahren ist für Hamburgs erste S-Bahnlinie in Poppenbüttel Schluss. Hinter dem Bahnsteig folgen noch ein paar Abstellgleise und eine Werkstatthalle, danach enden die Schienen am Saseler Damm.

Doch schaut man sich das Streckenende aus der Luft an, fällt sofort ins Auge, dass die Gleise anscheinend mal weitergehen sollten. Direkt hinter dem Prellbock schließt nördlich des Saseler Damms ein schmaler langer Grünstreifen an, der sich durch ein Einfamilienhausgebiet zieht und bis heute teilweise unbebaut geblieben ist. Der Streifen setzt sich entlang des Petunienwegs fort und verliert sich nach insgesamt anderthalb Kilometern am Mellingburgredder in der Nähe des Alsterlaufs.

Was die meisten nicht wissen: Dabei handelt es sich um das erste Teilstück einer einst geplanten riesigen Verlängerung der Bahnstrecke bis nach Bad Segeberg und weiter nach Eutin oder sogar bis an die Ostseeküste bei Neustadt.

NAHVERKEHR HAMBURG erklärt, wo die Strecke verlaufen sollte, warum sie nie gebaut wurde und wie groß die Realisierungschancen heute noch sind.

Erste Pläne vor mehr als 100 Jahren

Um die Hintergründe dieser einst geplanten Streckenverlängerung zu verstehen, müssen wir weit zurück in die Hamburger Verkehrsgeschichte gehen – ins Jahr 1904. Die Hamburger Wirtschaft brummte, die Einwohnerzahlen explodierten und immer mehr Menschen zog es in die Stadt – vor allem in Arbeiterviertel wie Barmbek. Eine U-Bahn gab es dort noch nicht. Die Planungen dafür liefen aber bereits auf Hochtouren.

Auch ein S-Bahn-Anschluss fehlte in Barmbek. Um den schnell wachsenden Stadtteil besser an die Arbeitsplätze in der Hamburger Innenstadt anzubinden, wurde am 12. Dezember 1904 vertraglich fixiert, die von der preußischen Staatsbahn zu betreibende künftige elektrische Vorortbahn nicht am Hasselbrook zu lassen, sondern um sieben Kilometer weiter bis Barmbek und Ohlsdorf zu verlängern, wo auch eine Betriebswerkstatt für die Vorortbahn gebaut werden sollte.

Dieser S…

Der Kopf hinter diesem Artikel

Thomas Röbke ist freier Redakteur in Hamburg und schaut bei der Arbeit direkt auf den ZOB. Nach Aussage seiner Mutter war sein erstes Wort „Bus”. Vorm Einschlafen schaut er gerne bei Youtube Videos mit Hamburger Straßenbahnen. Wenn er wach ist, schreibt er über alles außer Sport.

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9 Antworten auf „Nie gebaut: Hamburgs vergessener S-Bahn-Plan bis zur Ostsee“

Danke für diesen Artikel. Aber es wundert mich aber nicht, da man in Hamburg damit Probleme hat, die Hamburger S Bahn, bis auf die S5, wie in Berlin weiter in die umliegenden Gemeinden. Denn selbst jetzt ist der HVV, was Schnellbahnen angeht, weiterhin nur eine Insel. Denn statt die S4 gleich nach Lübek aus zu bauen, was bestimmt später gemacht wird, wie bei der U4 die nicht gleich nach Jenfeld weitergebaut wird, weil man eben ständig Steuergelder verschwenden will, wie beim „neuen“ Hamburger Elbtunnel. Weil Politiker heute einfach Angst haben, in größeren Dimensionen zu Denken und vielleicht so Steuergelder vernüftig ein zu setzen

Eine elektrische Eisenbahn außer der S-Bahn gab es im Bereich Hamburg auch früher schon: die Elektrische Kleinbahn Altrahlstedt – Volksdorf – Wohldorf. In deren Anfangsgeschichte wird ebenfalls von einer möglichen Verlängerung berichtet, und zwar über Wohldorf hinaus letztlich bis nach Neustadt/Holstein. Aus den späten 1950er Jahren wurde von einer Grundstücksangelegenheit in Bargfeld (heute Bargfeld-Stegen) berichtet, die wegen der Trasse eben dieser von Wohldorf (!) kommenden Bahn scheiterte. Auch die U-Bahn nach Ohlstedt folgt ab Volksdorf bekanntlich der ehemaligen Kleinbahntrasse, die dort als „Wanderweg“ noch vorhanden ist. Die Verlängerung der S-Bahn über Poppenbüttel hinaus zumindest bis Bergstedt ist in Verkehrsplanungen zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts widerholt vorgesehen worden.

Danke für Ihren Kommentar!

Zunächst: Sie schreiben selbst „Elektrische Kleinbahn“. Es ging uns darum, vor allem deutlich zu machen, dass seinerzeit keine der „großen“ Eisenbahnstrecken im Norden elektrifiziert war! Die Kleinbahn war in vielerlei (laienhafter) Hinsicht eher eine Straßenbahn… Und schon ist man in Details, die wie viele andere bei einem doppelt so langen Beitrag natürlich alle ausführlicher hätten dargestellt werden können. Es ist oft der schwierigste Teil bei einem solchen Artikel, abzuwägen wo man die Grenze zieht!

Das betrifft umso mehr die vielen Planungsansätze und Hintergründe diverser Bahnpläne im Norden. Die könnten ein dickes Buch füllen! Das Hin und Her war aber oftmals sehr kompliziert, weil die Projekte Alstertalbahn, Walddörferbahn (und manch längst vergessene) miteinander „verwickelt“ waren und die private Kleinbahn ihrerseits immer wieder versuchte, sich mit innovativen Ideen wieder ins Spiel zu bingen. (Man denke nur an die aus heutiger Sicht revolutionäre Idee von Zwei-System-Fahrzeugen für den Übergang auf die Hochbahn.)

Letztlich ist es aber die tragische Geschichte einer Landbevölkerung, die als Kolateralschaden des Großkonfliktes Preußen-Hamburg erst mit dem Autobus und vor allem dem Auto nach 1950 einen angemessenen Zugang zum Rest der Welt bekam. Für die oft bitterarmen Menschen war das tragisch, während wir uns heute darüber freuen können, dass beim Ortsschild – ziemlich genau dort, wo in Duvenstedt der Endbahnhof sein sollte – Hamburgs Staatsgrenze inmitten idyllischer Felder und Wälder in einer immer noch ländlich geprägten Region liegt. Hätte es diese S-Bahn (oder andere Bahnen) dort gegeben, würde man dort heute ein Häusermeer blicken, soweit das Auge reicht!

Noch eine Bitte: Könnten Sie (ggf. per Mail an die Redaktion) eine Quelle, Fundort oder nähere Umstände der Bargfelder Grundstücksgeschichte benennen? Das wäre in einem anderen Zusammenhang ggf. aufschlussreich. Durch Zerstörung der Archive in Tangstedt und Oldesloe sind viele Informationen über diese alten Projekte leider nicht mehr vorhanden und bringen nur genau solche Zufallsentdeckungen manchmal noch neue Erkenntnisse. Danke!

Eine Quellenangabe zu der angeführten Bargfelder Grundstückssache ist leider nicht mehr möglich, da die betreffende Person schon vor längerer Zeit verstorben ist. Auf einem Teil des ehem. Grundstück steht jetzt eine Kirche. Die Bahntrasse soll (von Stegen kommend, weiter in Richtung Nienwohld) etwas weiter außerhalb (Wiesengelände) vorgesehen sein. Vor Stilllegung des letzten Abschnitts Ohlstedt-Wohldorf der „Kleinbahn“ (bereits einige Zeit zuvor von Eisenbahn auf Straßenbahn umgewidmet) gab es Bemühungen um eine Verlängerung in den Kreis Stormarn oder wenigstens Erhalt als Museumsbahn, was wohl an dem damaligen Zeitgeist scheiterte. Heute könnte eine Bahn als Anschluss von Ohlstedt bis an die Bahntrasse der (ehem.) EBO z.B. bei Sülfeld wohl ähnlich erfolgreich sein, wie die Alsternordbahn.

Danke schön an Herrn Röbke und Herrn Muth für diesen interessanten Artikel.
Das es Verlängerungsideen gab, wusste ich, aber, dass eine davon bis an die Ostseeküste gehen sollte, nicht.
Vor längerer Zeit hatte jemand im Bahninfo-Forum die Idee gehabt, die S1 über Sasel bis nach Volksdorf zu verlängern, in der Bahnhofshalle das nordwestliche Gleis umzuwidmen und den Großhansdorfer Ast der U1 zur S-Bahn umzubauen. Fand ich gar nicht so verkehrt, denn dadurch könnte Ohlstedt häufiger im 10-Minuten-Takt angefahren werden und es gäbe eine weitere, diesmal sehr günstige Verknüpfung zwischen U1 und S1. Außerdem: Hat die Strecke nach Großhansdorf nicht doch eher S-Bahn-Charakter, als dem einer städtischen U-Bahn?

Vielen Dank für diesen informativen und gründlich recherchierten Artikel.

Ich bin selber in Duvenstedt aufgewachsen und erinnere mich, dass die Elterngeneration fest damit rechnete, dass „irgendwann“ die S-Bahn-Verlängerung bis Duvenstedt kommen würde. Auch wurde die Stilllegung der „WaStraBa“ genannten Kleinbahn von Ohlstedt nach Wohldorf u.A. mit der künftigen S-Bahn-Verlängerung begründet.

Aber es kam anders. Statt einem Bahnanschluss bekamen Lemsahl und Duvenstedt mit um 1976 eröffneten Poppenbüttler Berg eine zweite Hauptstraße in Richtung autogerechter Innenstadt.

Die Stadtteile Lemsahl/Mellingstedt und Duvenstedt sind nur durch Busse an den ÖPNV angebunden. Diese fahren auf überlasteten Straßen bis zum Bahnhof Poppenbüttel.
Da die Bewohnerzahl in diesen Stadtteilen (sowie im südlichen Schleswig-Holstein) seit Jahrzehnten kontinuierlich wächst und wachsen wird, wäre eine perspektive Schienenanbundung sehr wünschenswert!

Wollen wir mal hoffen, dass Lemsahl-Mellingstedt und Duvenstedt niemals so dicht bebaut sein werden, dass ein eigener Schnellbahnanschluss zu rechtfertigen wäre.

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