Öffentlicher Nahverkehr: „Fahrgäste sind für die Anbieter eher Störfaktoren“

Warum selbst massiver Frust im Nahverkehr folgenlos bleibt, weshalb Beschwerden systematisch verpuffen und Fahrgäste im heutigen System kaum zählen: Mobilitätsforscher Andreas Knie erklärt im Interview, warum Kundenorientierung für Verkehrsunternehmen keinen Anreiz hat – und an welchen Stellen Fahrgäste dennoch Macht entfalten können.
Katrin Wienefeld
Dichtes Gedränge am Hamburger Hauptbahnhof. Gerade der Regionalverkehr Richtung Süden ist für HVV-Fahrgäste oft ein Ärgernis.
Dichtes Gedränge am Hamburger Hauptbahnhof. Gerade der Regionalverkehr Richtung Süden ist für HVV-Fahrgäste oft ein Ärgernis.

Ausfälle, Verspätungen, überfüllte Züge, defekte Aufzüge und Rolltreppen – für Millionen HVV-Fahrgäste gehört all das im Alltag zur Normalität. Doch obwohl der Frust groß ist, hat der Ärger nur selten spürbare Folgen – weder für Verkehrsunternehmen noch für die Politik.

Warum ist das so? Weshalb scheint es im Nahverkehr kaum einen Unterschied zu machen, ob Fahrgäste zufrieden oder genervt sind? Und wieso haben Bus- und Bahnfahrgäste so eine schwache Lobby im Vergleich zu Autofahrenden?

Im Interview mit NAHVERKEHR HAMBURG erklärt der Mobilitätsforscher Andreas Knie, warum Fahrgäste im heutigen System keine echte Macht haben, weshalb Kundenorientierung für Verkehrsunternehmen kaum einen Anreiz darstellt und wie Verantwortung im Geflecht aus Politik, Aufgabenträgern und Unternehmen systematisch weitergereicht wird.

Zugleich beschreibt er, an welchen Stellen Fahrgäste dennoch Einfluss nehmen können – und was sich grundlegend ändern müsste, damit Bus und Bahn sich endlich…

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Katrin Wienefeld arbeitet als freiberufliche Journalistin in Hamburg. Sie kennt ihre Heimatstadt als Autorin von Stadtführern aus dem Effeff, schreibt außer über Mobilität und Stadtplanung viel für evangelische Medien und würde nur aus einem Grund auf ihr geliebtes Fahrrad als Fortbewegungsmittel verzichten: Wenn es möglich wäre, durch Alster, Elbe und Bille von A nach B zu schwimmen.

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6 Antworten auf „Öffentlicher Nahverkehr: „Fahrgäste sind für die Anbieter eher Störfaktoren““

Bei dem Lösungsvorschlag des Experten, dass die Nahverkehrsunternehmen unternehmerisch denken und gewinnorientiert arbeiten sollten, würden viele Kunden auf der Strecke bleiben. Denn dann würden nur noch die lukrativen Strecken bedient werden. Es hätte aber den Vorteil, dass an Wochenenden so manche Busse nicht mehr im Zehnminutentakt fast leer umherfahren würden.

Good grief. Also da ist ja nicht alles falsch, aber so viel quatsch.

Erstens mal die Ausfälle, wäre ja mal nicht uninteressant hier mal zu bemerken dass das System Eisenbahn sehr träge ist – man kann viele Jahre sparen und trotzdem noch relativ pünktlich fahren. Aber wenn es dann schlechter wird, wird selbst wenn der Wille da ist noch viel länger dauern bis es wieder merkbar besser wird – heavy engineering in public.

Einfach zu behaupten der ‚Staat‘ hat beim ÖPNV eine ‚Philosophie‘ der ‚Daseinsvorsorge‘ ist auch Blödsinn – der Staat in einer Demokratie sind wir. Und es ist eine Frechheit gegenüber Politikers die das erkennbar anders sehen und handeln.

„Wir fahren für den Zweckverband XYZ“ als Problem zu sehen ist auch wieder nur die halbe Geschichte. Ist zeigt sich doch gerade in Hamburg dass es einen großen Unterschied macht ob ein Betreiber direkten Kundenkontakt hat (U-Bahn/Hochbahn) oder nicht (DB Netz mit dem S-Bahnnetz).

Und es stimmt auch nicht dass die meisten Verträge einfache Bruttoverträge sind – da sind schon oft Anreize drin. Man könnte gerne mal eine Diskussion führen ob die genug oder richtig sind (in London z.B. bedeutet jede einzelne ausgefalle Busfahrt etwas Abzug). Aber so wie es da behauptet wird stimmt doch nicht.

Die Aussage, das die Kunden im System des ÖPNV stören, ist sicherlich auch auf die Deutsche Bahn als Ganzes anwendbar und dort wird
im Fernverkehr im Wesentlichen das angeboten, was der Kunde nachfragt. Ich halte es daher für schwierig, mit rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten den ÖPNV zu organisieren. Denn es stimmt ja auch nicht, daß immer weniger den ÖPNV nutzen. Hamburg zeigt da ganz andere Zahlen. Nein das Problem liegt im Autofetischismus der Gesellschaft in Deutschland; Wenn man nur als Bsp. den autofahrenden Mist des Abendblattes jeden Tag liest und dann die gehirnbefreiten Kommentare in den Foren der Autofahrer, dann braucht man sich nicht zu wundern, daß die Politik sich scheut, sich mit diesem Mob anzulegen. Dazu kommt dann noch, daß gerade der jetzige Hamburger Verkehrssenator sich lieber in den social networks zeigt als endlich einmal seine eigenen Ziele und Ansprüche in die Tat umzusetzen. Wenn ich da an die GAL denke, dagegen sind die Grünen in heutige nur noch bürgerlich angepasst: Kritiklosigkeit gegenüber der Bahn, das völlig irrsinnige Parkplazmoratorium, die Untätigkeit bei der Weiterentwicklung des Schnellbahnausbaus außerhalb dessen, was bereits angestoßen wurde (Güterumgehungsbahn, U4 Richtung Harburg, U2 Richtung Billstedt U4 nach Jenfeld, Stadtbahn zwischen Bramfeld und Langenhorn vielleicht usw). Autofahren ist wie Rauchen; kein muß es machen, nur es es gibt halt zuviele Abhängige.

Prof. Knie beschreibt sehr gut die gegenwärtigen wirren Zuständigkeiten und (faktisch nicht vorhandenen) Verantwortlichkeiten im ÖPNV. Was das Interview leider vermissen lässt, ist eine klare Reform des Systems der ÖPNV-Bestellung durch die Aufgabenträger mit den nachfolgend schwierigen Vergabeverfahren an die Verkehrsbetriebe. Nach Einführung des Deutschlandtickets sind zu allererst die Verkehrsverbünde, die in dem System auch noch mitmischen, überflüssig und daher aufzulösen. Eine Reform muss auch eine eindeutige Ergebnisveranwortung der Verkehrsbetriebe festlegen z.B. durch Nettoverträge, bei denen die Verkehrsbetriebe die Mehreinnahmen, die über die kalkulierten Einnahmen hinausgehen, bekommen. Und die Politik, die ja einen großen Teil der Finanzierung des ÖPNV stemmen muss, muss stärker in die Verantwortung genommen werden. Viele missliche Zustände im ÖPNV sind ja darauf zurückzuführen, dass die Politik den ÖPNV nicht ausreichend finanziell dotiert, weswegen die Aufgabenträger zu geringe Verkehsleistungen in zu kleinen Behältergrößen mit zu wenig Personal bestellen. Aber auch die Verkehrsbetriebe müssen zum einen ihren Vertrieb rationalisieren (z.B. einheitliche Verkaufstelle für das Deutschladnticket, würde rd. 900 Mio. Euro p.a. einsparen) und sich auf standardisierte Fahrzeuge einigen, damit durch Großserien die Beschaffungskosten für Busse und Bahnen geringer werden. Leider führen sich heute die Aufgabenträger wie Besitzer einer Spielzeugeisenbahn auf, bei der jeder seine eigenen Fahrzeuge spezifiziert. Die Folgen sind Kleinserien mit Kinderkrankheiten, Ersatzteilbeschaffungsproblemen, langen Lieferfristen und mangelnde regionale Austauschbarkeit von Fahrzeugen. Also der Reformbedarf ist sehr hoch, bevor der Kunde wieder ins Zentrum des ÖPNV-Angebots rückt.

Nach der dritten Frage müsste man eigentlich aufhören zu lesen. In Hamburg hat die VHH lange mit „Wir fahren Sie“ geworben. Ob der Kunde wirklich im Mittelpunkt steht, können wir gerne drüber streiten, jedoch erweist sich sein Kommentar dann als sehr polemisch und nicht als sachkundig. Außerdem lässt mich die Aussage „Aber aktuell wird das System immer teurer, es fahren immer weniger Fahrgäste“ doch eher verstört zurück.

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/09/PD25_344_461.html

Andreas Knie spricht aus, woran wir als Seniorenvertretung in Köln verzweifeln: Am System von Tickets & Tarifen. Wir haben im Verkehrsverbund und in den Verkehrsunternehmen entweder mit Nutzenden der Deutschlandtickets oder mit Autofahrenden zu tun. Oder mit Menschen, die eezy.nrw auf dem Handy haben, einer zunehmend erfolgreichen App, die innerhalb von NRW streckenbezogen abrechnet, also leistungsgerecht ist. Gelegenheitskunden, die kein Smartphone einsetzen möchten oder können – und das gilt für fast die Hälfte aller Senior*innen, werden abgespeist mit unterschiedlichsten Automaten und maximal 4 Tarifstufen der Verkehrsverbünde. Im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) kostet am Automaten eine Station mit dem Bus 4 €! Wer es nicht zu Fuß zum Arzt schafft, zahlt 8 €. Egal, wie niedrig das Einkommen ist, denn Sozialermäßigungen gibt es nur im Abo – Kinderermäßigung auch am Automaten. Warum nicht auch für Menschen mit Bedürftigkeit?

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