Praxistest mit Abstandssensor: Viele Autofahrer überholen Radler viel zu dicht

Seit Monaten fährt Markus J. mit einem selbst gebauten Abstandssensor an seinem Fahrrad durch Hamburg und hat seitdem rund 1.500 Überholmanöver dokumentiert. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen.
Martina Kalweit
Ein PKW überholt eine Radfahrerin in der Osterstraße in Hamburg mit sehr geringem Abstand.
Ein PKW überholt eine Radfahrerin in der Osterstraße in Hamburg mit sehr geringem Abstand.
Foto: Christian Hinkelmann

Es ist wie bei den AHA-Regeln, einfach zu merken: Laut Verkehrsrecht muss der Abstand zwischen Auto und Rad beim Überholvorgang mindestens 1,50 Meter betragen. Radfahrer:innen merken schnell, wenn es eng wird. Erst zieht ein Wagen gefährlich nah vorbei, dann hebt einen der Luftzug fast aus der Spur.

Mit einem kleinen Gerät wird diese gefühlte Gefahr jetzt messbar. An der Fahrradstange montiert, misst der so genannte Open Bike Sensor den Abstand zwischen Rad und überholendem Fahrzeug und unterfüttert so jedes Überholmanöver mit zentimetergenauen Daten.

Entwickelt wurde der Open Bike Sensor von Rad-begeisterten Tüftlerinnen und Tüftlern in Stuttgart. Über deren Internetpräsenz hilft die Initiative bei der Beschaffung der Bauteile und dem Bau des Geräts. Geplant ist, die Daten aller Sensor-Nutzerinnen und -Nutzer zu sammeln, visuell aufzubereiten und auf Karten mit Zoom-Funktion bereit zu stellen.

Die Daten gehen in Statistiken ein, die helfen sollen, die Infrastruktur für Radfahrende zu verbessern und auf Gefahren hinzuweisen. Wie man das Datenmaterial originell aufbereiten kann, zeigt der Berliner Tagesspiegel auf seinem Radmesser-Portal Tagesspiegel – Radmesser 

Polizeiliche Abstandskontrollen oder Polizist:innen, die sich selbst mit Open Bike Sensor ausgestattet in den Sattel schwingen, davon können Radfahrende bisher nur träumen. Umso sinnvoller scheint es, den Sensor schnell unters Fahrradvolk zu bringen.

Markus Jaschinsky gehört zu den ersten Sensor-Nutzern in Hamburg. NAHVERKEHR HAMBURG hat ihn in seinem Rad-Revier Wandsbek getroffen und mit ihm über seine Erfahrungen und seine Messergebnisse auf Hamburgs Straßen gesprochen.

Der Hamburger Radfahrer Markus Jaschinsky hat seit Mitte Januar 2021 rund 1.500 Überhohlvorgänge mit seinem Abstandssensor gemessen.
Honorarpflichtig Der Hamburger Radfahrer Markus Jaschinsky hat seit Mitte Januar 2021 rund 1.500 Überhohlvorgänge mit seinem Abstandssensor gemessen.

NAHVERKEHR HAMBURG: Markus, erkläre doch bitte kurz in deinen Worten: Was macht der Open Bike Sensor?

Markus J.: Der Sensor misst nach links und rechts mit wasserdichtem Ultraschallsensor. Also sowohl den Abstand des Fahrrads zu überholenden Fahrzeugen als auch den Abstand zu parkenden Autos. Die Daten werden dann mit GPS-Koordinaten versehen und auf einer SD-Karte gespeichert. Ein kleines Display am Lenker zeigt mir die Daten auch an.

NAHVERKEHR HAMBURG: Den kleinen Kasten kann man nicht kaufen. Es gibt den Sensor bisher also nur als Bausatz?

Markus J.: Im Prinzip nicht mal als Bausatz, sondern als Bauanleitung im Internet unter openbikesensor.org. Außerdem gibt es einen dazugehörigen Slack (online-Kommunikations-Tool, d.Red.). Dort findet man auch nette Menschen, die bereit sind, eine Sammelbestellung von Bauteilen zu organisieren. Ich habe mich bei solch einer Sammelbestellung eingeklinkt und über die Plattform auch Leute gefunden, die beim Zusammenbau geholfen haben.

NAHVERKEHR HAMBURG: Das klingt schon etwas tricky. Du …

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Martina Kalweit arbeitet als freie Journalistin in Reinbek. Zuvor pendelte sie jahrelang in ihre Stammredaktion am Hamburger Hafen. Mit allen mobilen Angeboten vertraut, ist ihr der E-Roller heute am liebsten. Martina Kalweit schreibt für NAHVERKEHR HAMBURG und für verschiedene Medien über Film, Fernsehen und das Kulturleben im Norden.

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4 Antworten auf „Praxistest mit Abstandssensor: Viele Autofahrer überholen Radler viel zu dicht“

So sehr ich den Grundgedanken “Radfahrer auf der Fahrbahn werden nicht so leicht übersehen” auch schätze, muss ich mich inzwischen auch dahingehend korrigieren, dass diese Radschutzstreifen großer Mist sind. Das Bild von der Osterstraße zeigt es ja ganz gut. Solange beiden in ihrer Spur bleiben glaubt der Autofahrer, dass er genug Abstand habe. Ganz verübeln kann ich ihm das noch nichtmal – im sonstigen Straßenverkehr gilt dieser Grundsatz ja auch.

Ganz extrem fällt mir das auch immer wieder auf der Brücke über die Tatenberger Schleuse (Tatenberger Weg) auf. Das ist immerhin auch ein Stück Elberadweg – also eine Strecke, die auch von vielen Nicht-Alltagsradlern gefahren wird. Früher war dort der Gehweg mit “Radfahrer frei” beschildert, was zu der Zielgruppe gut gepasst hat. Als geübterer Radfahrer konnte man dort auch problemlos auf der Straße fahren. Heute ist dort ein Schutzstreifen mit minimalen Abmessungen – und die meisten Autos fahren mit gefühlt 50cm Abstand an den Radfahrern vorbei. Seitdem die gestrichelte Linie da ist, fahr ich da selbst als Alltagsradfahrer immer mit ungutem Gefühl lang.

tja obwohl ich Fahrradfahrer bin, kann ich durchaus nachvollziehen, warum Autofahrer den Abstand oft nicht einhalten: Fahrrad und Auto müssen eindeutig getrennt werden und nicht nur durch Trennstreifen, sondern durch Trennbauten wie z.b. Steine etc. Nur dann sind Radfahrer sicher.

Kleiner Korrekturhinweis: Die Walddörferstraße ist nicht Teil der Veloroute 6, sondern die Veloroute 6 verläuft durch Tilsiter Str./Am Stadtrand/Eckerkoppel.
https://www.hamburg.de/fahrradfahren-in-hamburg/426692/veloroute-6/

Aber Veloroute hin oder her, das Problem des regelwidrigen Engüberholens in der Walddörferstraße ändert sich dadurch leider nicht.

Ansonsten deckt sich der Artikel mit meinen eigenen Erfahrungen aus dem Fahrradalltag. Leider.

Wichtig finde ich auch, dass die Probleme in den Wohngebieten erwähnt werden. Es ist nämlich nicht so, dass in Wohngebietsstraßen außerhalb des Ring 2 quasi “per Definition” gute Bedingungen für den Radverkehr herrschen würden. Auch hier sind politische und verkehrsplanerische Maßnahmen notwendig, insbesondere wenn es sich um Velorouten handeln soll.

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