Viel Versprechen, wenig Plan: Das steckt hinter Hamburgs Olympia-Verkehrskonzept

Das olympische Mobilitätskonzept des Hamburger Senats ist auffallend dünn und nennt wenig Konkretes. Gleichzeitig werden bisherige Zeitpläne weniger verbindlich. Eine Analyse.
Christian Hinkelmann
So stellt sich der Hamburger Senat das Olympia-Finale auf der Binnenalster vor. Grafik: Neuland Concerts
So stellt sich der Hamburger Senat das Olympia-Finale auf der Binnenalster vor. Grafik: Neuland Concerts

Wie soll Hamburgs Verkehrsnetz für mögliche Olympische Spiele in den 2040er Jahren ausgebaut werden – und was davon haben die Hamburgerinnen und Hamburger dauerhaft im Alltag?

In der vergangenen Woche hat der Senat sein Mobilitätskonzept für eine mögliche Olympiabewerbung vorgelegt. Darin skizziert die Stadt, welche Verkehrsprojekte bis zu den Spielen in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 umgesetzt werden sollen.

Auffällig ist der Umfang: Während das Mobilitätskonzept zur gescheiterten Olympiabewerbung 2015 noch mehr als 400 Seiten umfasste, kommt die aktuelle Version auf lediglich 21 Seiten. Auch inhaltlich bleibt das Papier dünn: Der Senat nennt kaum konkrete Projekte. Stattdessen dominieren bereits bekannte Vorhaben und unverbindliche Prüfaufträge – häufig ohne Angaben zu Strecken, Standorten oder Zeitplänen.

Damit ist ein Großteil der Maßnahmen in der aktuellen Form nicht überprüfbar. Für Hamburgerinnen und Hamburger wird es so schwierig, sich vor dem Olympia-Referendum am 31. Mai ein belastbares Bild davon zu machen, was tatsächlich umgesetzt werden soll.

NAHVERKEHR HAMBURG erklärt, was konkret im Konzept steht, was darin fehlt, welche Widersprüche es gibt – und welche neuen Unsicherheiten für Fahrgäste entstehen.

Das steht im Olympia-Verkehrskonzept

Öffentlicher Nahverkehr

  • Ausgangslage: Der Senat unterstellt bei den Verkehrsberechnungen in seinem Konzept, dass die neue U-Bahnlinie U5, die S-Bahnlinie S5 nach Kaltenkirchen sowie die S6 zwischen Harburg und dem olympischen Dorf in Bahrenfeld bis 2040 vollständig fertiggestellt sind.
  • Taktverdichtungen: Während der Spiele soll es dichtere Takte auf bestehenden Linien geben. Allerdings nennt der Senat weder Linien noch konkrete Takte – bis auf zwei Ausnahmen: Auf der U2 ist ein 2,5-Minuten-Takt geplant, auf der Expressbuslinie X22 soll alle fünf statt zehn Minuten ein Bus fahren. Bemerkenswert: Ein 2,5 Min-Takt auf der U2 würde dazu führen, dass auf dem gemeinsamen Streckenabschnitt von U2 und U4 alle 75 Sekunden ein Zug fahren müsste (falls der U4-Takt nicht reduziert wird). Das wäre mehr, als bisher technisch geplant (max. 100 Sek.-Takt).

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Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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9 Antworten auf „Viel Versprechen, wenig Plan: Das steckt hinter Hamburgs Olympia-Verkehrskonzept“

Wenn ich nicht schon prinzipiell gegen die Olympiabewerbungen Hamburgs wäre, mit diesem Schnellbahnbooster für eine schon immer schnellbahngeboosterte Gegend würde ich es bestimmt werden. Denn dieser Schnellbahnbooster muss ja irgendwie zulasten Anderer gehen.
Ich hoffe, auch SPD-Verkehrspolitiker überdenken deshalb noch einmal ihre Olympiabegeisterung.

Danke für den profunden Verriss des Olympia Verkehrskonzeptes. Das einzige, was sich zeitgerecht bis zu einer möglichen Olympiade realisieren ließe, wäre der Bau eines Straßenbahnnetzes. Dieses wird aufgrund der amtlich verordneten Denkblockade im Senat überhaupt nicht erwähnt! Ferner drückt sich das Verkehrskonzept, welches die S6 als Schlüssellinie zwiwchen Wettkampfstätten und Olympischen Dorf benennt, um die Frage herum, wo diese Linie aus dem bestehenden S-Bahnnetz ausgeädelt werden soll. Holstenstraße dürfte technsich kaum machbar ein. Bleibt also nur am S-Bahnhof Diebsteich, der dafür aber auf 4 Bahnsteigkanten erweitert werden muss. Diese lassen sich allerdings nur realsieren, wenn der Fern- und Regionalbahnhof dort bleibt, wo er ist: in Altona! Ferner ist die Erweiterung des Hauptbahnhofes genauso unkonkret wie vor Jahren. Denn das Senatsmodell sah ja nur eine Mantelbebauung mit Büroflächen und ein paar neue Zugänge vor. Auch hier sträubt man sich vor der Einsicht in neue Realitäten, die zumindest eine Durchbindung von 6 der 12 am Hauptbahnhof Kopf machenden RB/RE-Linien erfordert hätte. Die Chance die Olympiabewerbung für einen großen Wurf zu nutzen und eine zweite S-Bahn Elbquerung sowie den zweigleisigen Ausbau der Güerumgehugnsbahn als Bestandteils eines S-Bahn-Ringes zu fordern, hat man mals wieder grandios vertan.

Unübersehbar: Der Senat arbeitet an einer Exit-Strategie für die Verkehrswende. Die Ablehnung von Olympia soll offenbar Hamburgs Exit-Erzählung werden, um S6, evtl. die U4 und auch die U5 „qualifiziert zu beenden“, wie man das heute nennt. Da die U5 technisch nicht am Hauptbahnhof enden kann, wird der Plan B interessant.

Auch beim Ausbau Hauptbahnhof sind Bundesmittel kaum noch realistisch, wenn jetzt schon das Sondervermögen nur noch die Instandhaltung der maroden Gleise in Deutschland finanzieren muss.

Eine sehr gute Analyse, danke dafür. Für mich ist die Verknüpfung von bereits aufgeplanten und in der Finanzierung befindlichen Verkehrsprojekten mit der Oympiabewerbung kaum nachvollziehbar. Höchstens indem ich daraus schließe, dass den verantwortlichen Politikern schlicht nichts Neues einfällt. Das Zielbild und der Nutzen auch neben den Verkehrsprojekten (Stadien, Neuordnung der Wege, Verkehrswende) besteht zudem aus substanzlosen Allgemeinplätzen. Es drängt sich mir der Gedanke auf, dass auch in der Politik nicht der ganz große Rückhalt für Olympia besteht. Das Konzept wirkt zusammengestückelt und kein Stück innovativ und engagiert. Die Olympiagegner haben es sicher nicht besonders schwer, dagegen überzeugend zu argumentieren. Fakt ist jedenfalls, dass Hamburg mehrere lange Jahre in eine einzige Baustelle verwandelt werden würde, wenn Olympia dennoch käme. Weit umfangreicher als das, was den Menschen jetzt schon zugemutet wird. Wer will das schon; jedenfalls nicht ohne konkreten überragenden Nutzen. Und so ist denn auch die Stimmung: Laut einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des NDR sehen 50 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger Olympia in ihrer Stadt als „eher schlecht“. Für „eher gut“ stimmten nur 41 Prozent (Hamburger Abendblatt von heute). Und nur in der SPD gibt es eine Mehrheit für Olympia.

Aber entscheidend wird sein, wer überhaupt zur Wahl geht. Und das werden, wie ich bereits in einem anderen Kommentar schrieb, vorwiegend die Olympia-Befürworter sein. Damit wäre eine einfache Mehrheit pro Olympia sicher – gegen die schweigende Mehrheit. Spannend ist nur, ob das Zustimmungsquorum erreicht wird.

Aber selbst wenn: Hamburg wird letztendlich ohnehin nicht den Zuschlag vom IOC bekommen. Da bin ich mir sicher. Und die Mehrheit der Hamburgerinnen und Hamburger wird dankbar sein.

Natürlich können Großprojekte einen positiven Einfluss auf die Infrastruktur der Städte haben. Hannover bekam zur EXPO 2000 sein S-Bahnnetz, in München das gleiche mit den Olympischen Spielen 1972. Allerdings sind das alles neue Netz komplett aus einem Guss gewesen. Hamburg hat ohnehin ein sehr zerstückeltes Verkehrsnetz. Wenig Strecken bei U- und S-Bahn, komplizierte Umstiege, keine Stadtbahn etc.
Bevor man sich mit Olympia beschäftigt, sollte meiner Meinung nach erstmal ein Masterplan für den ÖPNV erstellt werden. Zentrale Punkte dabei: Hbf-Entlastung und Kapazitätssteigerung auf den Schnellbahnen, spricht U4- Verlängerung und endlich ein stabiler 3min Takt nach Harburg, vernünftige Integration der S4 und S5 nach Kaltenkirchen in das Netz.
Was da jetzt vorgeschlagen wurde, ist mutloses Stückwerk, nur temporär oder ohnehin schon geplant.
Das Netz kommt tagtäglich an seine Grenzen, kaum eine S-Bahn fährt exakt nach Plan und die Regionalzüge sind permanent gut ausgelastet bis überfüllt. Wie soll das denn zu Olympia werden?

Gerade beim Thema U5 bin ich auch irritiert wieso auf einmal Förderungen nach dem Geimeindewegfinanzierungsgesetz mit der Olympiabewerbung in Verbindung gebracht werden. Generell ist Hamburg bei allen Nahverkehrsprojekten sowieso viel zu sehr darauf bedacht, vom Bund gefördert zu werden. Das ist natürlich wichtig und erforderlich, aber kann doch nicht allein ausschlaggebend sein. Bei der U5 hat es bereits den Schlenker über Hartzloh gekostet, der eine sehr gute Erschliessung bedeutet hätte. Übrigens stimmt es nicht, daß der entsprechende Topf bisher immer ausgeschöpft worden ist. Sollte das in Zukunft anders sein, um so besser und es ist gut, daß Bayern 3 statt 2 Mrd pro Jahr dort zur Verfügung haben möchte. (warum ist ein solches Anliegen eigentlich nicht, ja richtig, von Hamburg gestellt worden?) Insgesamt kann man sich des Eindruckes nicht erwähren, daß der SENAT versucht, einen Zusammenhang zwischen „seinen“ Verkehrsprojekten und der Olympiaabstimmung im Mai herzustellen, um die Bevölkerung unter Druck zu setzen bzw. zu manipulieren. Solch ein Vorgehen hat aber in Hamburg noch nie funktioniert. Ach ja und wieso wird die U4 nach Ahrensburg nicht erwähnt oder auch der Bahnhof in Diebsteich? Spielen die bei einer Ausrichtung der olympischen Spiele keine Rolle? Oder hat man diese Projekte bereits beerdigt?

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