Warum die Verkehrswende auf dem Land so wenig voran kommt

Die Mobilitätswende in Hamburg ist in vollem Gang. Doch im ländlichen Bereich kommt sie dagegen kaum voran - obwohl es viele gute Ideen gibt. Was sind die Probleme? Ein beispielhafter Blick ins Hamburger Umland.
Martina Kalweit
Kommt hier überhaupt ein Bus? Der öffentliche Nahverkehr auf dem Land ist oft eine Herausforderung.
Kommt hier überhaupt ein Bus? Der öffentliche Nahverkehr auf dem Land ist oft eine Herausforderung.
Foto: Christian Hinkelmann

Die Verkehrswende ist in der Metropole Hamburg nicht bloß ein Begriff. In kontinuierlichen Schritten krempelt die Stadt zwar vergleichsweise behäbig aber doch stetig Verkehrswege und Angebote um: Hier ein neuer Radweg, dort ein besserer Fahrplantakt, weitere Carsharing-Stellplätze und Shuttledienste.

Das große Ziel des rot-grünen Senats: Bis 2030 soll jede Hamburgerin und jeder Hamburger von morgens bis abends binnen fünf Minuten ein öffentliches Mobilitätsangebot erreichen können. Der Fahrplan wird damit überflüssig – egal, ob mitten in Eimsbüttel oder in den Vier- und Marschlanden (siehe hier).

Davon können die Menschen jenseits der Stadtgrenze auf dem flachen Land nur träumen. In vielen Gegenden geht ohne Auto gar nichts. Züge und Busse fahren selten. In manchen Regionen gilt schon ein Zwei-Stunden-Takt als gutes Angebot.

So ist es nicht verwunderlich, dass 90 Prozent der Haushalte auf dem Land einen oder mehrere PKW haben (siehe hier). Laut einer ADAC-Studie aus dem Jahr 2018 nutzt mehr als die Hälfte der Befragten auf dem Land Bahnen und Busse so gut wie nie (siehe hier). Die Verkehrswende ist dort also oft noch ganz weit weg – obwohl es mancherorts viele Bemühungen und gute Ideen gibt.

Ein gutes exemplarisches Beispiel dafür ist die Gemeinde Scharnebeck südlich von Hamburg, die versucht, neue und bessere Mobilitätsangebote voranzubringen – aber aufgrund von Zuständigkeits-Wirrwarr und bürokratischen Hürden zu dem Schluss gekommen ist: Als Gemeinde kann man da wenig bewegen.

NAHVERKEHR HAMBURG zeigt, warum die Verkehrswende dort so anstrengend ist und wie unsere Recherche für diesen Artikel zumindest eine kleine Verbesserung ausgelöst hat.

Per Rufbus vom Dorf zum Einkaufen

Scharnebeck im Landkreis Lüneburg. Eine typisch norddeutsche Gemeinde: Eine Kirche, zwei Supermärkte, ein kleines Schulzentrum mit Oberstufe, Bäcker, Apotheke, Schützenverein und freiwillige Feuerwehr. Viele Menschen kennen diesen Ort, der nur 20 Kilometer Luftlinie südöstlich der Hamburger Stadtgrenze liegt, vor allem wegen des gigantischen Schiffshebewerks am benachbarten Elbe-Seitenkanal.

3.412 Menschen leben direkt in Scharnebeck. Mit den Gemeindeteilen drumherum sind es knapp 16.000.

Wie in vielen anderen norddeutschen Gemeinden geht dort ohne eigenes Auto wenig. Der öffentliche Nahverkehr spielt nur eine Nebenrolle – obwohl Scharnebeck im HVV-Gebiet liegt. Die wenigen Busse waren in den vergangenen Jahren auf einigen Linien kaum besetzt und damit Verlustbringer.

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Martina Kalweit arbeitet als freie Journalistin in Reinbek. Zuvor pendelte sie jahrelang in ihre Stammredaktion am Hamburger Hafen. Mit allen mobilen Angeboten vertraut, ist ihr der E-Roller heute am liebsten. Martina Kalweit schreibt für NAHVERKEHR HAMBURG und für verschiedene Medien über Film, Fernsehen und das Kulturleben im Norden.

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9 Antworten auf „Warum die Verkehrswende auf dem Land so wenig voran kommt“

Ich bin mir nicht sicher ob das Beispiel repräsentativ ist. Ich wohne im Wendland und fahre 1h Auto, bis ich in Scharnebeck bin, dann noch 1h bis ich in Bahrenfeld auf der Arbeit bin. (Nein, das mache ich nicht jeden Tag).
Alternativ könnte ich mit der Bahn fahren, aber das dauert 3h. (jeweils Tür zu Tür). Warum? Nicht weil die Verbindungen bei uns auf dem Land so schlecht sind, die Bahn fährt 160km/h, Autobahnen gibt es hier nicht, also schafft das Auto im Schnitt nur 60km/h. Aber dummerweise braucht man vom Hamburger HBF bis nach Bahrenfeld Stadionstraße zu meiner Arbeit in der Rushhour locker 45 Minuten, von der A7 sind es nur 5. Man verpasst alleine 2 S-Bahnen weil sich der ganze RE in den HBF ergießt, danach steht der M3 im Stau.
Hier im Nichts habe ich die Wahl ob ich mit dem Landesbus (zur Rushhour alle 30′) oder der Bahn nach Uelzen fahre. Die Fahrzeiten sind ok – das Problem ist in Hamburg.

Vielen Dank, Florian, dass du dein persönliches Beispiel mit uns hier teilst. sehr spannende Ergänzung zum Artikel.

Viele Grüße, Christian Hinkelmann

Moin, der Kreis Lüneburg war bisher für den ÖV sehr “speziell”;
Zusammenwirken mit den Nachbarkreisen, warum…?
Warum endet/beginnt die Linie 4400 in Avendorf und bietet keine Verbindung nach Artlenburg/Hohnstorf/Lauenburg Bahnhof?
Warum enden die Busse aus Lüneburg in Hohnstorf und nicht am Lauenburger Bahnhof?
Warum ist der Elbmarschstern nicht umgesetzt worden? (Direktbusse Bergedorf-Geesthacht-Lüneburg/Winsen; die Fahrpläne waren fertig, die Busunternehmen wollten fahren). Die Lüneburger Kreisverwaltung hatte diese Pläne nicht einmal der Kreispolitik mitgeteilt; der Leser urteile selbst…
zu Scharnebek: Reaktivierung der Bahn; d.h. kurze Fahrzeiten nach Lüneburg; und: Lüneburg-Hamburg HBF braucht einen 20 min Takt; dringend. Um dieses Gerüst muss dann weiter “gestrickt” werden. Das braucht ein wirklich schnelles, verlässliches Grundnetz. Die Rufbusse werden nur wenige PKW-Besitzer zum Umstieg bringen.
Es stimmt, die Tarife sind zu hoch: was erhalte ich auf dem Land für meine Monatskarte im Vergleich zur Stadt. 3 Fahrten werktags mit Zuzahlung beim Rufbus?

Man sollte aber auch festhalten, dass für einen Großteil der Dorfbevölkerung der ÖPNV nie in Frage käme, egal wie Takte und Anschlüsse sind. Sie (bzw. ihre Eltern) haben sich ja gaz bewusst in die Abhängigkeit des Autos begeben, um keine Alternativen zu haben und dann von “Freiheit” zu sinnieren, sobald sie den Lappen haben. Das gesellschaftliche Leben ist auf dem Land halt kulturell völlig anders, wenn man den ÖPNV nur in Form eines Schulbusses aus Jugendjahren kennt. Fährt man mit unter 85 Jahren trotzdem mit, wird man gleich verdächtigt, nicht zur “Mittelschicht” (also zwischen Mindestlohn und Millionärsgehalt) zu gehören und wird nicht mehr gegrüßt, wenn man 500 Meter sonntags mit dem Pkw zum Bäcker fährt. Die Nachbarn sehen ja alles und tuscheln gerne.

Da kommen dann so schöne Scheinargumente, z.B. dass der Bus ja immer leer ist und deshalb abgeschafft werden soll, denn der eigene SUV ist ja viel effizienter als ein leerer Bus. Aber bloß nicht fragen, warum der Bus nicht einfach von einem selbst genutzt wird, damit er nicht mehr so leer ist. Dann wimmelt es da 24/7 nur so vor Rowdys, Müllbergen, Fäkalien und sonstiges. Weiß man ja auch so gut, weil man es nie nutzt. Und für die 150 Kilometer Strecke werden aus fünf Minuten Fahrzeit mit dem Pkw mindestens fünf Stunden mit sieben Umstiegen. Zudem sind wir ja alle Schichtarbeiter im Krankenhaus, die auf dem Rückweg täglich einen Kühlschrank für ihre Großeltern auf dem Berga abholen, um danach als Handwerker zu malochen, damit man sich nicht zwischen Tank und Kartoffelsack entscheiden muss. Wir kennen es.

Aber die Politik hat dies mit ihren Bodensteuern und der Pendlerpauschale ja auch über Generationen exzessive gefördert, um der subventionierten Autoindustrie noch mehr Milliarden jährlich in den Rachen zu werfen, während ÖPNV und zivilisierter Wohnraum gezielt verteuert wurden.

Da wäre das Geld bestimmt sinnvoller zu investieren, zum Beispiel in Form von Erneuerbaren Energie im ländlichen Raum ohne rigorose Auflagen, Umsiedlungsanreize für die Outback-Bewohner, Dämmungsinitiativen, Verbot von Holz- und Kohleöfen und für den Rest, der wahrlich nicht anders kann, der Ausbau der Ladeinfrastruktur, z.B. durch eine geschenkte Wallbox fürs Carport und Rückbau von Tankstellen. Die Benzin- und Dieselrabatt von Wissing sollten natürlich niemals kommen, sondern in eine höheren Steuer plus Pendlerabgabe von 60 Cent pro Kilometer fernab der Suburbia umgewandelt werden.

Und für die im Artikel erwähnte Gemeinde kann man ja einen Radschnellweg nach Lüneburg bauen, wenn sie sich für die Erbstorfer Landstraße zu fein sind. Das sind bis zum Bahnhof keine 10 Kilometer, wo genug Züge fahren und von mir aus auch noch mehr könnten.

Für urbane Räume bliebe dann zugleich auch noch ordentlich Geld über, das wirtschaftlich und nachhaltig eingesetzt werden kann.

Sie haben sicherlich recht, daß natürlich auch auf dem “Land” der ÖPNV funktionieren kann:
Ein Bsp: Der Bus von Bad Segeberg nach Ochsenzoll: In den achtziger Jahren fuhr der alle 2 Stunden zwischen 6 und 18 Uhr und war in der Tat meistens leer. Heutzutage bei einem wesentlichen besseren Angebot (Stundentakt zwischen 05 und 23:00 Mo-SA) sind die Busse voll (am Sonntag allerdings ist wg. des 2 Stunden Taktes immer noch tote Hose), allerdings vornehmlich mit Migranten und erkennbar Kleinverdiener – die Mittelschicht fehlt im Wesentlichen und das wird allgemein gleichzeitig auch noch in irrsinniger Weise gefördert mit dem ökonomischen und ökologischen Irrsinn, überall mit dem eigenen Blecheimer hinzufahren.
Wie man das ändert: Kurzfristig hilft Putin aber letztlich muß man auf die junge Generation hoffen (unter 35), die sich zum Glück immer weniger für umweltverpestende Blecheimer interessiert. Ach ja: E-Mobilität löst das Problem auch nicht, sondern wird dazu nur dazu führen, daß sich Umweltprobleme verlagern. Die Leute das Fahren mit Auto verringern und das Auto muß verstärkt per se gebrandmarkt werden.

Natürlich wie immer sehr polemisch und überheblich, aber inhaltlich kann ich dir diesmal nur zustimmen. Es ist ein Jammer, dass der Staat über Jahrzehnte diesen Lebensstil fördert und es immer noch weiter tut.

Naja, etwas einfach über das Dorfleben gedacht.. Hier bei uns (Speckgürtel Elmshorn) ist der Busverkehr voll auf die Pendler ausgerichtet, aber wiederum auch nicht. Innerhalb unseres Dorfes: zwei Buslinien, die alternierend verkehren. Ich habe von der Endhaltestelle bei uns genau zwei weitere Haltestellen direkt erreichbar. Von der zweiten sind es dann wieder 500 m bis zum Supermarkt. Ob das für Senioren, Eltern mit Baby oder Kleinkind attraktiv ist? 500 m zur Haltestelle, 4 min Busfahrt für fast 2 €, 500 m zu Fuß? Rückfahrt: rund eine Stunde später. (alternativ 2 km zu Fuß)

Am besten wäre für Scharnebeck sicher die Wiederbelebung der Bleckeder Bahnstrecke – und zwar als (Überland-)Straßenbahn mit Weiterführung in Lüneburg zum Bahnhof und in die Innenstadt.

Bis dahin könnte man aber auch bei der Buslinie noch einiges verbessern:
1) Weiterleitung in die Lüneburger Innenstadt. Der Bahnhof liegt ja nun wirklich etwas abseits
2) Abendfahrten. Selbst wenn die nicht so gut benutzt werden, werden dadurch auch die Tagesfahrten besser benutzt. Die Abendfahrten wären für viele potentielle Fahrgäste sozusagen ein Versicherung, falls man sich doch mal verspätet
3) Die 5110 muss umnummeriert werden. Es muss für potentielle Fahrgäste klar sein dass die Linie die Hauptbuslinie nicht und nicht (wie die 5111, 5115, 5120, usw) eine Schulbuslinie
4) Der Ort muss besser erschlossen werden. Haltestellenabstände von fast 500m sind nicht gut (alle 300-350m ist besser), der Westteil wird nicht angefahren, und die Haltestellenlagen ist auch z.T. ziemlich schlecht: Mein Vorschlag wäre Am Waldrand – Karl-Alm-Weg – Haupstraße [Ecke Adendorfer Str.] – Adendorfer Straße [Ecke Fußweg zum Park] – Polizei – Schiffshebewerk – Röthenkuhlen [Mitte] – Lehmbergsweg [Mitte] – Lübbekau-Park [Ecke Lehmbergsweg] – Bardowicker Straße [Ecke Hinter der Lübbelau] – Marktplatz [und zwar direkt am Marktplatz!] – Echemer Straße – Schulweg. Und alle Busse sollten mindestens bis Echemer Straße fahren
5) Der Tarif ist ein Scherz 3,10€ ist viel zu viel für eine einfache Fahrt

Auf jeden Fall sollte die Gemeinde versuchen zumindest Versuchsweise für 3 Monate eine bessere Anbindung zu bekommen (mit Fahrten in die Lüneburger Innenstadt, Abendfahren, Sonntags stündlich, temporären Haltestellen in Scharnebek – und zwar genau in den 3 Monaten wo es das 9-Euro-Ticket gibt!

Danke für diesen Einblick in die Metropolregion.

Ich selbst bin in den Vier- und Marschlanden aufgewachsen. Im Vergleich zu der Busanbindung damals (sonntags 2-Std.-Takt, generell letzter Bus gegen 20h) ist die Anbindung heute schon fast Luxus (24/7 mindestens im 60-Min.-Takt), aber wie dort der Hamburg-Takt umgesetzt werden soll, kann ich mir momentan noch nicht vorstellen.

Denn auch Angebote wie Moia oder Loki sind ja nur in den dichter besiedelten Stadtteilen Hamburgs unterwegs und dürften dort auf dem Land nie rentabel zu betreiben sein, und die Anruf-Sammeltaxen fahren in den Vier- und Marschlanden momentan auch nur spätabends und nur stündlich und gegen Aufschlag. Da ist also ähnlich wie in dem Beispiel im Artikel noch Ausbaupotential.

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