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Winterchaos auf Hamburgs Radwegen: Die unendliche Suche nach einer Lösung

Seit Jahren sucht Hamburg alternative Streumittel für Radwege, die besser wirken. Nach einer aufwendigen Studie liegen seit einem Jahr Ergebnisse dazu vor. Doch passiert ist seitdem kaum etwas. Einen Zeitplan kann die zuständige Umweltbehörde nicht nennen. Radfahrende werden sich wohl noch lange gedulden müssen.
Christian Hinkelmann
Schneematsch auf einem Radfahrstreifen in Hamburg (Archivbild).
Schneematsch auf einem Radfahrstreifen in Hamburg (Archivbild).
Foto: Christian Hinkelmann

In Hamburg hat sich in der vergangenen Woche ein vertrautes und zunehmend problematisches Bild gezeigt: Spiegelglatte Radwege und zugeschneite Fahrradspuren, die Radfahrenden das Vorankommen teilweise unmöglich machten. Während der Autoverkehr auf den Hauptstraßen kurzfristig wieder ungestört fließen konnte, waren viele Radwege tagelang in einem kaum befahrbaren Zustand. Diese Situation ist keineswegs neu, sondern wiederholt sich Jahr für Jahr in der Hansestadt, sobald der Winter Einzug hält.

Besonders alarmierend war in der vergangenen Woche die hohe Zahl von Stürzen: Mehr als 130 Fälle wurden in nur vier Tagen verzeichnet, ein deutliches Zeichen dafür, dass die gegenwärtige Situation nicht nur unbequem, sondern auch gefährlich ist.

Das Unverständnis der Radfahrenden, die ihre Erfahrungen in den vergangenen Tagen lautstark in sozialen Netzwerken teilten, war kaum zu überhören. Fotos und Videos von Radpisten voller Schneematsch und eingegipsten Beinen nach offensichtlichen Stürzen machten die Runde. Die Hamburger Morgenpost kommentierte die Probleme als „schlichte Frechheit“ und der Fahrradclub ADFC ätzte: „Der aktuelle Winterdienst auf Hamburgs Straßen mit seiner klaren Priorität für den Autoverkehr ist die beste Anti-Fahrrad-Kampagne, die der Senat bislang auf die Beine gestellt hat“.

Doch die Reaktionen der Verantwortlichen zeigen wenig Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung. Die Stadtreinigung sah keine Versäumnisse bei ihrem Winterdienst und der zuständige Umweltsenator Jens Kerstan verteidigte ihre Arbeit. Er stellt in einem Facebook-Post zwar Verbesserungen in Aussicht und verwies darauf, dass man derzeit „verschiedene Lösungsansätze“ diskutiere und an „alternative Streumittel“ denke. Was er dabei aber nicht erwähnte: Diese Suche nach alternativen Streumitteln läuft schon seit vielen Jahren und wurde zwischen 2019 und 2022 in einer großangelegten Studie erforscht – mit umfangreichen Praxistests auf Hamburger Straßen. Die Stadt hat für das Projekt rund 85.000 Euro ausgegeben, der Bund legte rund 340.000 Euro obendrauf.

Seit einem Jahr liegen die Ergebnisse dieser Studie vor, doch passiert ist seitdem wenig, wie Recherchen von NAHVERKEHR HAMBURG ergeben haben. Demnach hat die zuständige Umweltbehörde bis heute keinen konkreten Zeitplan. Lesen Sie hier, was die Gründe dafür sind und wie es in der Sache jetzt weitergehen soll.

So wird in Hamburg geräumt und das ist verboten

Von dem insgesamt 1.200 Kilometer langen Radwegenetz in Hamburg wird im Winter nur rund ein Viertel (315 Km) geräumt und gestreut. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Radverkehrsverbindungen in der Kernstadt und zwei längere Routen nach Harburg und Bergedorf. An wichtigen Hauptverkehrsachsen, wie die Kieler Straße im Westen, die Bramfelder Chaussee im Norden oder der Friedrich-Ebert-Damm im Osten gibt es gar keinen Winterdienst auf den Radwegen. Die detaillierte Karte ist im Geoportal der Stadt einsehbar (auf Themen/Fachdaten/Winterdienst für den Radverkehr klicken).

Das aktuelle Radwege-Räumnetz der Hamburger Stadtreinigung ist  im Januar 2024 rund 315 Kilometer lang.
Geoportal Hamburg Das aktuelle Radwege-Räumnetz der Hamburger Stadtreinigung ist im Januar 2024 rund 315 Kilometer lang.

Grundsätzlich gibt es an den Radwegen, die zum Winterdienstnetz der Stadtreinigung gehören, zwei Hauptprobleme:

  1. Auf den klassischen Geh- und Radwegen, die mit einem Bordstein von der Fahrbahn getrennt sind, darf nicht mit Salz gestreut werden. Die Stadt Hamburg hat es sich per Wegegesetz selbst verboten – aus Umweltschutzgründen. Im Gegensatz …

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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3 Antworten auf „Winterchaos auf Hamburgs Radwegen: Die unendliche Suche nach einer Lösung“

Angesichts der Klimawandels werden die Schneeprobleme in Zukunft in Hamburg eh weniger werden. Aber natürlich ist die einzige offensichtliche funktionsfähige Lösung, das man Fahrradstreifen beheizen muß. (Großes Gelächter überall jetzt, ich muß auch schmunzeln). Autos haben halt den „Vorteil“, daß sie auch durch die Abgase Wärme abgeben und schon dadurch die Straßen frei werden.
Als Kompromiss würde ich aber wirklich vorschlagen, daß man ausgewählte Fahrradstreifen an den Straßen wenigstens von den Eisschichten befreit.

Schön beschrieben was in den Behörden und auch bei der Bahn schiefläuft: Es wird diskutiert und geprüft und überlegt und abgewogen aber nicht mehr gehandelt.

Den einzelnen MitarbeiterInnen wurde überall der Ermessensspielraum stark eingeengt und alle wissen oder haben erlebt, dass sie nur dann auf der sicheren Seite sind, wenn sie wortgetreu die Vorgaben befolgen und das ganz genau dokumentieren.

Verwaltungskultur des maximalen Stillstands in einer Zeit maximalen Wandels und hat keine Zukunft.

Nötig sind kreatives und mutiges Ausprobieren und schnelle pragmatische Entscheidungen und Lernen aus Fehlern. Sonst wird mehr scheitern als die Verkehrswende.

Komplizierter als gedacht, aber schlüssig. Ich möchte aber gar nicht wissen, wie viele Stürze es tatsächlich gab, also jene, die nicht gemeldet wurden, zum Beispiel weil es „nur“ blaue Flecken gab und kein Krankenhaus/Durchgangsarzt aufgesucht oder Rettungswagen angefordert wurde.

Was wurde eigentlich aus die niedlichen Paketrobotern? Könnte so ein Heer nicht sämtliche Radwege abfahren, streuen und das Zeug ein wenig in der Spur verteilen und eindrücken? Aber gut, das wäre wohl wieder erstmal jahrelanger Stillstand bis zum Einsatz…

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