Neue Switch-App im HVV: Wer sie unbedingt braucht – und wer nicht

Analyse: Wo die Stärken und Schwächen der neuen Switch-App von der Hochbahn liegen und warum das bisherige Switchh-System überhaupt neu ausgerichtet wird.
Switch-Station am Berliner Tor mit neuem Branding im Juli 2020
Foto: Christian Hinkelmann

Die Hochbahn stellt ihr bisher nur mäßig erfolgreiches Switchh-Programm auf komplett neue Füße: Abo-Gebühr und Preisvorteile bei Share Now, Cambio sowie Stadtrad sind rausgeflogen – stattdessen steht jetzt eine neue App im Mittelpunkt, mit der man zukünftig verschiedenste Mobilitätsdienste buchen kann – ohne Abo. Erster (und bisher einziger) Kooperationspartner ist Moia. Der Name ändert sich von “switchh” zu “hvv switch”

Wir haben uns die App für Sie näher angeschaut und sagen Ihnen in dieser Analyse, wo die Stärken und Schwächen der neuen App liegen, wer sie aus unserer Sicht unbedingt braucht und wer eher nicht.

Was die neue Switch-App sein soll

Die neue App soll eine Ein-für-Alles-App sein. Langfrist-Ziel ist, dass sich dort alle in Hamburg vertretenen Mobilitätsdienste zentral buchen lassen – und zwar so schnell und einfach wie möglich. Das Motto: Weniger ist mehr. Deswegen wurden laut Hochbahn alle Funktionen ausgespart, die für das Einfach-Ziel nicht absolut notwendig sind und die App überfrachten könnten.

Was die Switch-App derzeit kann

Wenig! Neben den wichtigsten HVV-Tickets kann man damit im Moment nur Fahrten mit Moia-Shuttles buchen. Warum ausgerechnet Moia? Weil die Hochbahn diesen Dienst derzeit für den relevantesten neuen Player bei der Verzahnung von klassischem ÖPNV und den neuen Sharing-Mobility-Angeboten hält. Im nächsten Schritt soll der Carsharing-Dienst von Sixt („Sixt Share“) dazu kommen, mit Stadtrad, Cambio, Weshare, Share Now und Ioki laufen bereits Gespräche, sagte uns die Hochbahn auf NahverkehrHAMBURG-Anfrage.

Die Bedienung der App funktioniert tatsächlich sehr einfach und ist übersichtlich. Nach einer schnellen Registrierung erscheinen auf der Startseite die drei meistverkauften HVV-Fahrkarten (Kurzstrecke, Nahbereich, Einzelkarte), sowie das neu eingeführte Sommerticket. Mit einem Fingerwisch zur Seite werden die drei wichtigsten Tageskarten angeboten (9-Uhr-Tageskarte, 9-Uhr-Gruppenkarte, Ganztagskarte). Beim Klick auf ein Kartensymbol wird als Starthaltestelle automatisch die nächstgelegene HVV-Haltestelle eingetragen (wenn die Ortungsfunktion aktiv ist). Der Kauf der Karte findet mit einem weiteren Klick statt und ist damit deutlich schneller als in der bisherigen HVV-App.

Wischt man auf der Startseite nach unten, kommt man direkt in die Buchungsmaske für ein Moia-Shuttle. Auch hier ist als Startadresse bereits der aktuelle Standort des Smartphones hinterlegt (wenn zugelassen) und es müssen nur noch Zieladresse und Personenanzahl eingegeben werden – fertig. Alle HVV-Tickets und Moia-Fahrten werden per Paypal bezahlt.

Das so genannte Look and feel der neuen App ist angenehm, modern und leicht. Es unterscheidet sich damit deutlich von der bisherigen HVV-App.

Screenshots aus der neuen hvv switch-App
Screenshots aus der neuen hvv switch-App Christian Hinkelmann
Das größte Manko der App sind natürlich die derzeit noch fehlenden weiteren Mobilitätsdienste. Bei den HVV-Tickets fällt auf, dass Erklärungen zu den angebotenen Tickets fehlen (Was unterscheidet ein Kurzstreckenticket von einem Nahbereichsticket?). Damit wird deutlich: Die neue Switch-App richtet sich hauptsächlich an HVV-Kenner, die genau wissen, welches Ticket sie in welchem Fall brauchen. Die Hochbahn drückt es auf unsere Nachfrage hin so aus: „Die App richtet sich an Kunden, die den ÖPNV bereits heute ab und an nutzen und die sich schlicht ein einfacheres Ticketing wünschen.“ Und: „Wir gehen davon aus, dass Kunden – und zwar viel öfter als wir annehmen – ziemlich genau wissen, welches Verkehrsmittel sie jetzt gerade nutzen möchten und auch wie sie dies tun.“

Zeitkarten (Wochenkarten, Monatskarten, Profitickets, etc.) fehlen in der neuen Switch-App komplett. Außerdem gibt es keine Userkontenverknüpfung mit der bisherigen HVV-App. Das bedeutet: Wer ein bestehendes Nutzerkonto beim HVV hat, kann sich damit in der neuen Switch-App nicht anmelden. Es ist eine komplette Neuregistrierung nötig. Aus Entwicklersicht mag es zwar sinnvoll sein, bei der neuen App alte (Software-)Zöpfe abzuschneiden und sich die teure und langwierige Integration in das alte HVV-Userkontensystem zu sparen, aus unserer Sicht ist das für die KundInnen allerdings ein Manko. Übrigens: In der Switch-App ist es nicht möglich, HVV-Tickets für andere Personen zu kaufen.

Bei der Buchung von Moia-Shuttles fällt auf, dass die Möglichkeit fehlt, einen Bus erst in 5, 10 oder 15 Minuten vorzureservieren, was oft die Chance erhöht, überhaupt ein freies Fahrzeug zu bekommen. Außerdem ist es nicht möglich, Moia-Gutscheine und Rabatt-Codes in der Switch-App zu verwenden. Das geht weiterhin nur über die Moia-App…

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6 Antworten auf „Neue Switch-App im HVV: Wer sie unbedingt braucht – und wer nicht“

Fassen wir zusammen:
Switchh ist gescheitert und wird eingestellt.

Damit man das hübsch verpacken kann wird eine neue (ähnlich klingende) Marke auf den Markt geschmissen.
Die neue App ist beim Fahrkartenverkauf so intelligent wie ein Automat aus den 80ern. Ein Knopf – ein Ticket – kein Schnickschnack. Dazu eine Systemankoppelung an einen Konkurrenten.

Es geht in kleinen Schritten voran – sehr kleinen.

Grundsätzlich finde ich den Ansatz gut, das Design ist schlicht was mir persönlich gefällt. Der Funktionsumfang wird wachsen, da bin ich optimistisch und ist auch angekündigt. Ich verstehe jedoch überhaupt nicht, wieso man diese Zusatzdienste (wie z.B. MOIA) nicht einfach in die bestehende HVV-App integriert hat? Dann habe ich ÖPNV mit weiteren Mobilitätsanbietern kombiniert. Diese Funktionalität kann man technisch gesehen so doch einfach umsetzen in dem man die API (Schnittstelle) in die bestehende HVV-App anbindet? Ich kann doch z.B. bereits heute auf der Karte in der HVV-App z.B. die Carsharing-Fahrzeuge sehen. Jetzt braucht man wieder eine zusätzliche App, ein weiteres Konto etc. Hoffen wir mal das Beste, bin aber echt zwiegespalten. Da ich meist nur den ÖPNV nutze, bleibe ich erstmal weiterhin bei der HVV-App.

Wenn man sich ansieht, für wen die App nicht geeignet ist, bleiben nach dem Vorspann des Artikels vielleicht noch ein paar Touristen mit Paypalkonto und vermutlich besten Deutschkenntnissen übrig. Das ist doch nur noch peinlich.

“Ein weiterer Minuspunkt ist, dass alle Tickets in der neuen Switch-App derzeit nur mit Paypal bezahlt werden können. Wer die App nutzen will, ist also gezwungen, einen us-amerikanischen privaten Zahlungsdienstleister zu verwenden. Für ein Verkehrsunternehmen in öffentlicher Hand finden wir das schwierig. Hier wäre aus unserer Sicht zum Start mindestens eine Alternative, wie z.B. Kreditkartenzahlung, nötig gewesen.”

Diesen Abschnitt finde ich mehr als schwierig. Lieber Kreditkartenzahlung? Also Visa, MasterCard und American Express? Am besten noch abgewickelt über einen Dienstleister wie Stripe? Und damit nutzt man dann also keinen “us-amerikanischen privaten Zahlungsdienstleister”? Von Google Pay und Apple Pay mal ganz abgesehen, die ebenfalls noch folgen werden.
Ich finde, über den Punkt, dass bei der Zahlung ein amerikanisches privates Unternehmen genutzt wird, kann man sich heute nicht mehr aufregen. Außer die mehr oder weniger erfolglosen Modelle Giropay und Paydirekt fällt mir nämlich kein halbwegs verbreitetes digitales Zahlungsverfahren ein, das nicht auf amerikanische Privatunternehmen zurückgreift und halbwegs schnell und intuitiv ist.

Entscheidend für die Einbindung des Dienstes MOIA dürfte deren Mobilitätspartnerschaft mit der FHH sowie der von der Hochbahn im Auftrag der Stadt Hamburg vorbereitete ITS Gipfel 2021 sein, bei dem MOIA als eines der herausragenden Projekte präsentiert werden soll.

Alle Anbieter der “neuen” Mobilität haben momentan massive Liquiditätsprobleme, selbst ein Traditionsunternehmen wie Sixt (Share, Rent). Wenn man bedenkt, dass von den Anbietern der “neuen” Mobilität auch kaum ein Unternehmen vor Corona überhaupt schwarze Zahlen geschrieben hatte, ist es äußerst fraglich, welche Unternehmen dann in 12 Monaten noch existieren. Das wird sich auch auf die Weiterentwicklung der switch App auswirken. Der Markt konsolidiert garantiert und von den verbliebenen Unternehmen werden die meisten massiv Kosten senken wollen. Warum sollten die neben der eigenen Unternehmens-App noch eine Schnittstelle für eine rein lokale App offerieren und bedienen?

Siege auch: https://www.automobilwoche.de/article/20200701/NACHRICHTEN/200709997/urbane-mobilitaet-pooling-anbieter-haben-akzeptanz-problem

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