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Deswegen finanziert der HVV jetzt private Pkw-Fahrten

Hamburger Verkehrsverbund belohnt neuerdings das Autofahren. Theoretisch könnte man monatlich mehrere hundert Euro dazuverdienen. Woher das Geld stammt und welche Strategie dahintersteckt.
Christian Hinkelmann
Wer Auto fährt, kann neuerdings unter Umständen vom HVV Geld dafür bekommen.
Wer Auto fährt, kann neuerdings unter Umständen vom HVV Geld dafür bekommen.
Foto: Christian Hinkelmann

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Die Nachricht hat kürzlich für Aufsehen gesorgt: Der Hamburger Verkehrsverbund finanziert ab sofort auch private Autofahrten. Ganz konkret geht es um ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit Airbus in Hamburg-Finkenwerder: Wer Airbus-Mitarbeitende mit seinem Auto mitnimmt, kann damit Geld verdienen. Einzige Voraussetzung ist, dass die mitfahrende Person ein gültiges HVV-Klimaticket besitzt.

Das Werksgelände von Airbus am südlichen Elbufer ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen, was dazu führt, dass viele der rund 17.000 Mitarbeitenden mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Ziel des Projekts ist es, Fahrgemeinschaften zu fördern und so die Verkehrsstaus in Finkenwerder zu reduzieren.

Besonders bemerkenswert an diesem Experiment ist, dass nicht nur Airbus-Beschäftigte daran teilnehmen können, sondern jeder, der ein Auto besitzt. Und Geld gibt es nicht nur für Fahrten zum Airbus-Werk und zurück, sondern auch für beliebige andere Routen innerhalb des gesamten HVV-Gebiets, das sich von Bad Segeberg über Cuxhaven bis nach Uelzen erstreckt. Wer einen Airbus-Mitarbeitenden abends zum Restaurant oder am Wochenende ins Schwimmbad fährt, wird dafür ebenfalls bezahlt.

Der HVV überschreitet mit diesem Vorstoß eine historische Grenze zwischen öffentlichem Nahverkehr und privatem Autoverkehr. Es ist eine Grenze, die bisher zwei völlig verschiedene Mobilitätsansätze trennte, die oft als Konkurrenten betrachtet und gegeneinander ausgespielt werden. Zum ersten Mal in Deutschland überbrückt ein großer ÖPNV-Player nun diesen tiefen Graben und versucht, die Vorteile beider Welten zu vereinen. Der private Pkw wird somit zu einem integrierten Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs.

Warum belohnt der HVV plötzlich Autofahren? Welche Ziele und Absichten stecken dahinter? Wie viel kann man mit seinem Pkw maximal verdienen? Und woher kommt das Geld? NAHVERKEHR HAMBURG beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wann und wie können Airbus-Mitarbeitende das neue Fahrgemeinschaftsangebot nutzen?

Alle Airbus-Mitarbeitenden, die ein HVV-Klimaticket haben, können den neuen Fahrgemeinschafts-Service nutzen – und zwar nicht nur auf dem Arbeitsweg, sondern auch in der Freizeit. Im ganzen HVV-Gebiet, kostenlos und so oft man will. Aber Achtung, es gibt bei Airbus zwei verschiedene Klimatickets, dich sich beim Thema Fahrgemeinschaften unterscheiden: Das Klimaticket S ist für Mitarbeitende komplett kostenlos und besteht aus drei HVV-Tageskarten im Monat, die man nach Belieben einsetzen kann. An den Tagen, an denen man eine Tageskarte aktiviert, kann auch der Mitfahrservice unlimitiert genutzt werden. Daneben gibt es bei Airbus noch das Klimaticket XL. Dafür zahlen die Mitarbeitenden monatlich 34,30 Euro und bekommen dafür ein vollwertiges Deutschlandticket im Wert von 49 Euro. Wer so ein Ticket hat, darf den neuen Mitfahrservice täglich gratis nutzen. Um eine Mitfahrgelegenheit zu finden, muss man sich in der App des Kölner Mobility-Dienstleisters Goflux anmelden, der die Fahrten vermittelt und mit dem HVV kooperiert.

Wie viel kann man als Fahrer verdienen?

Wer sich mit dem eigenen Pkw als Fahrerin oder Fahrer anbieten will, muss nicht bei Airbus arbeiten. Einfach in der Goflux-App registrieren und schon kann man sich dort Mitfahrende suchen, die aber wiederum zwingend bei Airbus arbeiten müssen, damit man Geld vom HVV bekommt. Auf jeder Tour darf man maximal eine Person mitnehmen. Abgerechnet wird pro Fahrt. Maximal gibt es für eine Langstrecke (ab 30 Kilometer) 3,00 Euro ausgezahlt. Für Kurzstrecken bis 6 Kilometern Länge sind es 0,30 Euro pro Kilometer. Für eine Distanz zwischen 7 und 20 Kilometern bekommt man pauschal 2,00 Euro und auf Routen, die zwischen 21 und 30 Kilometer lang sind, verdient man pro Kilometer 0,10 Euro. Reich wird man damit also nicht. Und wenn man die Kosten für Sprit, Steuern, Kfz-Versicherung und Abnutzung gegenrechnet, könnte es – je nach Auto und Streckenlänge – sogar ein Verlustgeschäft sein. Aber wer ohnehin fährt, kann damit zumindest einen Teil der Fahrtkosten wieder reinholen.

Das Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder ist nur schlecht mit dem ÖPNV erreichbar. Lediglich eine Fährverbindung gibt es von Teufelsbrück aus. Daneben noch einige lokale Buslinien. Die Hauptlast trägt das Auto.
Christian Hinkelmann Das Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder ist nur schlecht mit dem ÖPNV erreichbar. Lediglich eine Fährverbindung gibt es von Teufelsbrück aus. Daneben noch einige lokale Buslinien. Die Hauptlast trägt das Auto.

Und wie hoch ist der Maximal-Verdienst?

Theoretisch kann man unbegrenzt viele Fahrten anbieten und sich dafür bezahlen lassen, denn die Auszahlungen bei Goflux sind nicht gedeckelt, wie HVV-Sprecher Rainer Vohl auf NAHVERKEHR HAMBURG-Nachfrage mitteilt. Wer also – aus welchen Gründen auch immer – täglich zehnmal einen Airbus-Mitarbeitenden mindestens 30 Kilometer weit kutschiert, würde somit im Monat auf eine Auszahlung von rund 900 Euro kommen können. Die realen Ausgaben für diese Touren dürften aber deutlich darüber liegen – abgesehen vom Zeitaufwand. Rainer Vohl befürchtet deswegen auch kein Missbrauch des Angebots oder ein exzessives Ausnutzen. „Wir gehen davon aus, dass sowohl Fahrer als auch Mitfahrer täglich maximal zwei Fahrten (Hin und Rückweg zum/vom Arbeitsplatz) durchführen werden“, meint er. „Die auf maximal 3,00 Euro gedeckelte Aufwandsentschädigung und die Beschränkung auf eine zahlende mitfahrende Person wird dazu führen, dass nur Airbus-Mitarbeitende, die ohnehin ins Werk fahren, hier als Fahrer fungieren werden.“ Trotzdem werde man sorgsam evaluieren, auf welchen Strecken und wie häufig das Angebot genutzt werde.

Mit welchen Summen rechnet der HVV jährlich, die an Autofahrerinnen und -fahrer ausgezahlt werden?

Das kann der Verbund bisher nicht beziffern. Auf Nachfrage hieß es lediglich, dass hierzu noch keine Erfahrungswerte vorliegen würden, da es sich um ein Pilotprojekt handle.

Woher kommt das Geld, das an die Fahrerinnen und Fahrer ausgezahlt wird?

Grundsätzlich stammt das Geld von Airbus. Es handelt sich um nicht genutzte Klimaticket-Überschüsse, die entstehen, weil nicht alle Airbus-Mitarbeitenden ihre geschenkten HVV-Tageskarten auch wirklich voll einlösen. Ein Teil der von Airbus finanzierten Karten verfällt also regelmäßig. Dieses Geld schüttet der HVV jetzt über den Dienst Goflux an Fahrgemeinschaften aus. Wie hoch die Summen sind, die monatlich zur Verfügung stehen, beziffert der Verkehrsverbund gegenüber NAHVERKEHR HAMBURG nicht. Pressesprecher Rainer Vohl betont aber auf Nachfrage, dass keine Gelder aus anderen HVV-Budgets für die Fahrgemeinschafts-Vergütung genutzt werden sollen.

Welche Strategie verfolgt der HVV mit seinem neuen Fahrgemeinschaftsangebot?

Auf den ersten Blick mag es absurd klingen, dass der HVV nun plötzlich das Autofahren belohnt. Doch beim genaueren Hinsehen handelt es sich um ein einfaches Kundengewinnungsangebot, das nur etwas versteckt daherkommt. Der HVV zielt damit offenbar auf Autofahrende, die normalerweise nie oder kaum Bus und Bahn fahren. Die Strategie: Man schenkt diesen Menschen über den Arbeitgeber ein Klimaticket, zahlt ihnen kleine Belohnungen für ihre Autofahrten, die sie aber nur bekommen, wenn sie gleichzeitig ein HVV-Tagesticket aktivieren und somit immer gleich auch eine gültige HVV-Karte in der Tasche haben. Da fällt abends in der Freizeit der Schritt in die nächste Bahn vielleicht etwas leichter, hofft der Verbund offensichtlich. Am Ende geht es also um eine Motivation zur ÖPNV-Nutzung in einer Zielgruppe, die der HVV bislang nicht so richtig gut erreichen konnte. Der Verkehrsverbund formuliert seine Absicht auf Nachfrage etwas pathetischer: „Das Produkt des Klimatickets inkl. Fahrgemeinschaften hat zum Ziel, intermodales, nachhaltiges Reisen zu fördern und die zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel ressourcenschonend einzusetzen.“ Es gehe um die Etablierung eines nachhaltigen ÖPNV-Produkts in Form einer vergleichsweise kostengünstigen Ergänzung und im Ergebnis um eine Reduzierung des Pkw-Verkehrs.

Wie lange soll das Fahrgemeinschaftsprojekt mit Airbus laufen?

Aktuell ist das Pilotprojekt nur bis Ende dieses Jahres geplant.

Bietet der HVV bald auch für andere Unternehmen Fahrgemeinschaften an?

Das ist bislang nicht ganz sicher. „Grundsätzlich ist eine Ausweitung des Piloten auf weitere Unternehmen denkbar“, sagt Rainer Vohl vom HVV – vor allem, wenn die Erfahrungen mit Airbus jetzt gut ausfallen sollten. „Voraussetzung hierfür wäre, dass in teilnehmenden Unternehmen viele Personen an einem Standort arbeiten, sodass die Wahrscheinlichkeit einer passenden Fahrgemeinschaft steigt. Außerdem müsste es sich um Unternehmen handeln, die – ähnlich wie Airbus – eine nicht optimale ÖPNV-Anbindung hätten. Bei innerstädtischen Unternehmen mit U- oder S-Bahn direkt vor der Tür sei so ein Angebot beispielsweise nicht geeignet.

Sie arbeiten bei Airbus und nutzen das neue Fahrgemeinschaftsangebot bereits? Dann teilen Sie Ihre Erfahrungen mit unserer Community. Posten Sie einen Kommentar.

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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