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„Am meisten hat mich überrascht, dass ich gelassener geworden bin“

Wie bewegt sich ein Mensch durch Hamburg, der kein Auto hat? Hafenschnackerin Maike Brunk hat ihren Wagen vor einem Jahr verkauft und gibt im Interview spannende Einblicke, welche Mobilitätsdienste sie für welche Strecken nutzt, nach was für Kriterien sie dabei entscheidet, wie viele Kilometer sie monatlich womit zurücklegt und was sie sich dringend vom HVV wünscht.
Christian Hinkelmann
Die Hamburgerin Maike Brunk hat ihr Auto vor einem Jahr verkauft und erledigt seitdem alles mit dem HVV und ihrem Hollandrad.
Die Hamburgerin Maike Brunk hat ihr Auto vor einem Jahr verkauft und erledigt seitdem alles mit dem HVV und ihrem Hollandrad.
Foto: Christina Czybik

Am Ende war es nur eine kaputte Glühbirne am Frontscheinwerfer, die bei ihr vor genau einem Jahr den Stein ins Rollen brachte. Kurz danach war die endgültige Entscheidung gefallen: Das Auto wird verkauft. Stattdessen soll es nur noch mit Bus, Bahn, Sharing-Diensten und ihrem geliebten Hollandrad durch die Stadt gehen.

Maike Brunk aus Hamburg ist eine Frau der schnellen und mutigen Entscheidungen. Nicht nur, wenn es um ihre Mobilität geht, sondern auch beruflich. Vor 17 Jahren hatte sie nach einer Firmenweihnachtsfeier aus einer Schnapsidee heraus ihren Job in der IT-Branche kurzerhand an den Nagel gehängt und spontan entschieden, auf eigene Faust Hafenrundfahrten anzubieten – zu Ecken, in die sonst keiner schippert. Ein Volltreffer! 70.000 zufriedene Fahrgäste, ein eigener Podcast, ein Buch und diverse Fernseh- und Radioauftritte waren die Folge. Beim G20-Gipfel vor einigen Jahren durfte die fröhliche Hafenschnackerin sogar das Rundfahrprogramm für die First Ladys moderieren. Und auch bei der Hochbahn blieb die 52-Jährige nicht unbemerkt. Als die U4 zu den Elbbrücken verlängert wurde, durfte sie als Bau-Patin den ersten Spaten schwingen.

Mit ihrem Umstieg auf den HVV liegt Maike Brunk im Trend. Ein Trend, der vor allem durch das Deutschlandticket im Raum Hamburg deutlich an Fahrt gewonnen hat. Immer mehr Menschen in der Metropolregion verlagern seitdem ihre Autofahrten auf Bahnen und Busse. Fast jede vierte HVV-Fahrt wurde vor dem Start des 49-Euro-Tickets noch mit dem Pkw gemacht, hatte eine Kundenbefragung des Verkehrsverbunds im Januar ergeben. Nicht jeder ist dabei aber so konsequent wie die Hamburger Hafenschnackerin und verkauft sein Auto gleich komplett.

Im Nahverkehr HAMBURG-Interview zieht Maike Brunk Bilanz: Wie hat sich ihr Mobilitätsverhalten seit dem Autoverkauf vor einem Jahr verändert? Für welche Fahrten nutzt sie welches Verkehrsmittel am meisten und nach welchen Kriterien entscheidet sie dabei? Wie sieht ihr Bewegungsprofil aus? Warum hat sie noch nie einen Carsharing-Wagen gebraucht? Und in welchen schwachen Momenten hat sie ihr Auto heimlich doch vermisst? Das erklärt Sie ausführlich und gibt wertvolle Einblick in das Mobilitäts- und Entscheidungsverhalten von Menschen ohne Auto.

NAHVERKEHR HAMBURG: Was war das für ein Moment in Ihrem Leben, in dem Sie sich gesagt haben: „Ich verkaufe jetzt mein Auto“?

Maike Brunk: Das war vor gut einem Jahr im Frühling 2023. Das Deutschlandticket war damals noch nicht gestartet, aber die Planungen schon sehr weit, sodass man davon ausgehen konnte, dass es kommen wird. Ich hatte schon in den Monaten davor immer mal wieder überlegt, ob ich mein Auto wirklich noch brauche. Ich wohne in Hamburg-Mitte, recht zentral, habe eine gute Anbindung an den ÖPNV und kann die Innenstadt und meinen Arbeitsplatz auch gut mit dem Fahrrad erreichen. Die Aussicht auf das kommende Deutschlandticket hat meine Gedanken damals immer konkreter werden lassen.

NAHVERKEHR HAMBURG: Wie lange haben Sie ein Auto besessen und wie viel waren Sie damit unterwegs?

Brunk: Ich hatte durchgängig seit 1997 ein eigenes Auto. Vor meiner Selbstständigkeit habe ich es für den Arbeitsweg genutzt (viele Jahre gependelt aus dem Hamburger Sp…

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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11 Antworten auf „„Am meisten hat mich überrascht, dass ich gelassener geworden bin““

Es kommt doch sehr darauf an, auf welchen Strecken, zu welchen Zeiten, bei welchem Wetter und mit welchem Gepäck man unterwegs ist. Von Streiks ganz zu schweigen…
Von Eimsbüttel (da brauche ich kein Auto, da ist es sogar hinderlich) in eine abgelegene Ecke von Reinbek (gehört nicht zu Hamburg, aber zu meiner Lebensrealität und geht noch mit S-Bahn und Bus) ist mit Gepäck im Berufsverkehr schon anstrengend.
Aus der abgelegenen Ecke von Reinbek weiter nach Rahlstedt ist per Auto ein Klacks, per ÖPNV schon eine Herausforderung. Aber wenn die Fahrt statt im Berufsverkehr zu einer vorgegebenen Uhrzeit am frühen Sonntagmorgen stattfinden soll, dann braucht es schon eine sehr hohe Leidensbereitschaft. Nicht selten schlägt einem die HVV-Auskunft dann schon mal vor, über Nacht oder mit stundenlangem Fußmarsch anzureisen. Oder man muss halt ein, zwei Stunden früher am Ziel ankommen und dann womöglich im Schneetreiben warten.
hvv hop fährt machmal von Reinbek-Neuschönningstedt nach Rahlstedt (ohne verlässlichen Fahrplan), aber erlaubt nur kleines Gepäck. Und wo lasse ich eigentlich das Gepäck, das ich in Reinbek brauchte, während ich meiner Tätigkeit in Rahlstedt nachgehe? Ein Auto hätte einen Kofferraum, der Rahlstedter Bahnhof hat nicht mal Schließfächer…

Ich habe selber mein Auto im Sommer 2019 aus ganz ähnlichen Gründen abgeschafft und bewege mich seitdem nur noch mit Fahrrad und dem HVV (und oft beidem zusammen) durch die Stadt und das Umland und kann daher viele der Erfahrungen von Frau Brunk teilen.

Ich freue mich auch dass Frau Brunk viele meiner Erfahrungen vor allem der letzten 3 Monate erspart geblieben sind. Wie hat sie sich mit dem Fahrrad auf ungeräumten Radwegen fortbewegt, wie hat sie ihre Mobilität während der diversen Streiks organisiert? Ist sie nie von aggressiven Bettlern angegangen worden oder ist ihr noch nie von alkoholisierten Fußballfans Bier über die Klamotten geschüttet worden wie es mir gerade vorgestern Nachmittag in der S 3 zwischen Stellingen und Altona passiert ist?

Ich habe mich schon öfter nach meinem Auto zurückgesehnt und kann nicht ausschließen dass ich mir eines nicht so fernen Tages dann doch wieder eines zulege.

Natürlich habe auch ich schon unschöne Erfahrungen in Bus und Bahn gemacht und es gibt gerade in der Innenstadt kaum noch eine Bahnfahrt ohne Bettler. Der überwiegende Teil der Fahrten läuft aber dennoch deutlich entspannter, als mit dem PKW in die City zu fahren.

Ungeräumte Radwege haben auch mich für einige Tage vom Radfahren abgehalten und ich war vermehrt mit dem HVV und zu Fuß unterwegs, zum Glück sind diese Wetterlagen aber doch eher zeitlich überschaubare Ausnahmen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich der Zustand der Radwege kontinuierlich (wenn auch in vielen Bereichen nur langsam) verbessert.

Bei den Streiks habe ich die Tagesabläufe und Verkehrsmittelwahl angepasst bzw. umgeplant. Nützt ja nix.

Schönes Interview, vielen Dank!

Ich habe auch seit um die 15 Jahren kein Auto und kann Frau Bruns in vielen Bereichen zustimmen: Man braucht hier in der Stadt, aber auch für Fahrten nach Außerhalb nicht zwingend ein eigenes Auto.

Wobei ich da nach (Ö)PNV-Verkehrsträgern unterscheide: Alles, was von der Hochbahn kommt, klappt meist sehr gut. BEi den VHH wird’s schon unsicherer, die S-Bahn ist nur noch teilweise verlässlich, DBRegio-SH (namentlich die RB81) geht schon in Richtung Alptraum, und der DB-Fernverkehr ist und bleibt leider der DB-Fernverkehr…

Aber schließlich hätte ich auch beim Auto Staus, Wartungskosten, Pannen und Parkplatzsuche – und eben den täglichen Stress beim Fahren durch die Stadt.

Leider werden die Fahrradfahrenden im Bezirk Wandsbek besonders stiefmütterlich behandelt – im Grunde sind die Fahrradwege an allen großen Straßen hier (Friedrich-Ebert-Damm, Ahrensburger Strßae / Wandsbeker Chaussee, Bramfelder Chaussee usw.) eine Zumutung.

Hallo DirkHamburg,
da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Leider wird sich daran kaum etwas ändern, obwohl wir sogar auch eine „rot-grüne“ Bezirkskoalition haben. Das ist alles so festgefahren ideologisch in Hamburg, da wird Wandsbek immer mit „Auto“ und „Bussen“ identifiziert, maximal noch mit dieser Regionalbahn. Das ist vermutlich in allen politischen Spektren geistig so eingebrannt, dass auch immer die entsprechenden gleichgearteten „Lösungen“ vorgeschlagen und realisiert werden.

Da ist es zum Beispiel „jenseits allen Denkens“, für Wandsbek (den Bezirk) eine Stadtbahn vorzuschlagen, die darf es natürlich nur in Eimsbüttel oder Altona geben, und da sogar durch die engsten Gassen. Oder die S4 wird als eine „große Gnade“ gesehen, die gewährt, aber „eigentlich nicht gebraucht“ wird. Aber dann muss dafür natürlich in diversen anderen Stadtteilen das Schnellbahnnetz noch dichter ausgebaut werden. Dazu gehört auch das „Verendenlassen“ der U4 in der Horner Geest.
In Fankreisen (habe ich übrigens kürzlich eine lustige Bezeichnung dafür gelesen 😉) geht es dann soweit, dass man vorschlägt, eine RB81-Garnitur abzuziehen und als Verstärkerpendel zwischen Hbf und Harburg fahren zu lassen. Kann man sich nicht ausdenken. 😥
(Sieht man übrigens auch, wenn mal von „außerhalb“ zum S4-Bau berichtet wird: Da wird maximal schnell aus der S1 in Hasselbrook herausgehuscht, ein Foto durch die Heizungsrohre geschossen und schnell 5 Minuten später wieder weg. Ist ja so super bequem mit einem 5-Minuten-Takt! Oder man macht noch einen kleinen Spaziergang mit Fotohalt auf der Pappelalleebrücke nach Wandsbeker Chaussee. Dort hat man ja sogar noch eine U-Bahn zur Auswahl. 😃)

Wenn in Zukunft nicht eine grundlegend andere Herangehensweise an den ÖPNV (und die Relation zum MIV) bezüglich unseres Bezirks erfolgt, wird sich da nichts ändern. Das betrifft genauso den Radwegeausbau.

Autofreie Erfahrungen : ein interessantes Interview.
2 Ergänzungen
1. die Wahl des exakten Wohnorts. Wir haben als wir 1979 ein Reihenhaus gekauft haben darauf geachtet, dass der maximale Fußweg zu einer Schnellbahnhaltestelle 10 min beträgt Dies hatte auch Auswirkungen auf die schulische Ausbildung unserer beiden Töchter: die eine ging ins Albert-Schweitzer-Gymnasium, die andere in ein Integrationsschule in Alsterdorf und das alles selbstständig, was bei einem anderen Wohnort so ggf. nicht möglich gewesen wäre.
2. der Einkauf schwerer Dinge. Neben dem Fahrradanhänger (oder Lastenrad) ist insbesondere eine gute Sackkarre für den Getränkeeinkauf ideal. Ich fahre bei Edeka oder Kaufland mit der Karre bis zur gewünschten Getränkekiste im Laden. Bis zu 3 Kisten passen drauf. Abgeladen wird zu Hause genau dort, wo ich sie haben will. Mit dem Auto müsste ich die KIsten umladen (vom Einkaufswagen zum Auto) und sie dann die letzten Meter vom Auto tragen

ich habe seit 30 Jahren kein eigenes Auto mehr. Davon 10 Jahre in Hamburg gewohnt. und die 20 Jahre in London: da braucht man erst recht kein Auto. Was mir hier in Hamburg und Deutschland im Vergleich mit vielen anderen europäischen Städten auffällt, daß diese hier immer noch viel zu attraktiv für das Auto sind. In London fahren nur Angeber oder eben der Wirtschaftsverkehr in der City herum, aber in Hamburg ist die Fahrt mit dem Auto in die City tatsächlich eine Alternative.
Und die Ausreden wie „ich brauche das Auto aber zum…“. Das ist wie ein Drogenabhängiger, der tgl. seine Pulle Schnaps braucht.

Wer mitten in der Großstadt lebt, beste ÖPNV-Anbindung hat und einen privaten PKW nur als lästiges Übel empfindet, der sollte darauf in der Tat verzichten und kann sich glücklich schätzen.

Aber ich ärgere mich über Menschen, welche ihren eigenen Lebenstil als den einzig wahren betrachten und Mitmenschen, welche einen anderen Lebenstil pflegen, verunglimpfen und behindern möchten.

Was Sie als Lebensstil bezeichnen, ist ökonomischer und ökologischer Unsinn. Wer 50.000 EURO ausgibt und zusätzlich 4000 bis 5000 pro Jahr an Betriebskosten anhäuft und sich dann gleichzeitig über Parkplatzmangel bzw.- Gebühren aufregt, der hat die Glocken nicht gehört. Über die volkswirtschaftlichen Probleme und vor allem die ökologischen Folgen fange ich besser gar nicht an. Die These über „auf dem Land braucht man ein Auto“ sind oftmals nur eine weitere Ausrede: Es gäbe genügend Möglichkeiten, auf dem Land den Verkehr umzuorganisieren. Dazu gehörte z.b., daß man dort car sharing subventioniert. Denn natürlich gibt es Situationen, in denen die Nutzung eines Autos selbst in der Stadt sinnvoll sein kann. Aber gewiss nicht jeden Tag für eine Durchscnittsstrecke von km. Tatsächlich gehören Sie zur Mehrheit, die immer noch glauben, daß der Besitz eines Autos irgendeinen Sinn ergibt oder Status bedeutet. Um dass dann zu rechtfertigen, werden viele meist unsinnige Ausreden erfunden. So wie das eben bei Drogenabhängigen auch der Fall ist. Zum Glück denkt die Generation Z bereits anders. Die E-Mobilität ist leider auch nur eine Scheinlösung. Der einzige Weg ist, daß Auto so zu dämonisieren wie jetzt das Rauchen. Zukünftige Generationen werden auf das Autozeitalter bestenfalls mit Unverständnis zurückblicken.

So einen – Verzeihung – Blödsinn habe ich lange nicht mehr gelesen. Sinnentleerte Belehrungen dieser Art sind einfach nur abschreckend und für die Verkehrswende kontraproduktiv.

Sie übersehen dabei eine Kleinigkeit:
ÖPNV flächendeckend für alle ist nicht möglich weil nicht finanzierbar und auch nicht genügend Mitarbeitende für diese Jobs zu gewinnen wären. Außerdem hat ÖPNV auf dem platten Land eine schlechte Öko-Bilanz. Daher seien Sie dankbar, dass die Autofahrenden Ihnen deren Platz in Bussen und Bahnen überlassen.

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