Suche
Close this search box.
Suche
Close this search box.

Winterdienst in Hamburg: Für eine Fahrradstadt blamabel

Der mangelhafte Winterdienst auf vielen Hamburger Radwegen ist eine Blamage für die Radverkehrspolitik des Senats. Dass die Verantwortlichen bei der Lösung des Problems seit Jahren kaum vorankommen, macht es noch schlimmer. Ein Kommentar.
Christian Hinkelmann
Schneematsch auf einer Radfahrspur in Hamburg (Archivbild).
Schneematsch auf einer Radfahrspur in Hamburg (Archivbild).
Foto: Christian Hinkelmann

„Drei Tage nach dem Schneefall sind Rad- und Fußgängerweg an der Hauptverkehrsstraße B4 immer noch nicht geräumt. Ist das eure Vorstellung einer Fahrradstadt?“ „Es würde ja auch schon helfen, wenn Radspuren/-streifen überhaupt geräumt bzw. gestreut werden würden.“ „Traurig, aber wahr! Der Fokus liegt selbst beim Winterdienst auf dem Autoverkehr.“

Diese Twitter-Kommentare von empörten Radfahrenden aus Hamburg sind drei Jahre alt. Damals scheiterte die Stadt nach einem Wintereinbruch tagelang daran, wichtige Radwege in der Stadt komplett von Schnee und Eis zu befreien, während der Autoverkehr direkt daneben ziemlich schnell wieder freie Fahrt hatte.

Wie sich Bilder und der Ärger darüber doch gleichen! Sie hätten auch aus der vergangenen Woche stammen können, als mal wieder zahllose Radwege in Hamburg nach Schneefall tagelang unpassierbar blieben.

Es ist offensichtlich! Hamburg hat ein dickes Fahrrad-Winterdienstproblem! Und es ist ein politisches Problem!

Den hunderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Stadtreinigung und ihren Subunternehmen, die bei Eiseskälte einen harten Job auf Hamburgs Straßen machen und dabei mit immer weniger Leuten auskommen müssen, kann man keinen Vorwurf machen.

Verantwortlich dafür sind in erster Linie Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne), der hartnäckig an einem absoluten Taumittelverbot auf Radwegen festhält und Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne), der das Verbot im Hamburgischen Wegegesetz festgeschrieben lässt, sodass weiterhin nur mit Sand und Kies gestreut werden darf.

In ihrer Hand liegt es, die Suche nach besseren Alternativen mit hohem Tempo voranzutreiben und das Wegegesetz entsprechend anzupassen, wenn sie die Förderung des Radverkehrs ernst meinen. Studien zeigen nämlich, dass schlecht geräumte Radwege einer der Hauptgründe dafür sind, dass Menschen im Winter ihr Fahrrad lieber stehen lassen. In einer Onlinebefragung der Bundesanstalt für das Straßenwesen aus dem Jahr 2019 mit 3.554 Teilnehmenden haben beispielsweise 74 Prozent angegeben, dass sie wegen des schlechten Räum- und Streuzustands bei Schnee und Eis seltener mit dem Rad fahren. 87 Prozent hatten Angst vor Stürzen. Bei einer Umfrage aus Wien vor rund zehn Jahren gaben sogar 83 Prozent der 645 Befragten den Zustand von Straßen und Radwegen als Grund dafür an, dass sie im Winter nicht mit dem Fahrrad fahren.

Schnee- und eisfreie Radwege sind somit ein zentraler Schlüssel für mehr Radverkehrsnutzung auch im Winter. Und sie sind kein Hexenwerk, sondern hauptsächlich eine Frage der Priorität. Das zeigt ein Blick ins Ausland. In der dänischen Fahrradmetropole Kopenhagen werden beispielsweise zuerst die Radwege geräumt, bevor die Kfz-Fahrbahnen dran kommen – und zwar so gründlich, dass gar keine Schneereste mehr auf den Pisten bleiben. Auch in der österreichischen Hauptstadt Wien sind vorrangig geräumte und besonders intensiv betreute Radwege im Winter ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Die Folge: In Kopenhagen fahren beispielsweise zwischen 80 und 85 Prozent der Radfahrenden auch im Winter, in Wien sind es immerhin noch 25 Prozent. Für Hamburg kann die Verkehrsbehörde auf NAHVERKEHR HAMBURG-Nachfrage keine vergleichbaren Zahlen nennen.

Sowohl Kopenhagen als auch Wien setzen übrigens auf Flüssig-Salz, das wesentlich geringer dosiert als herkömmliches Streusalz auf die Radwege gesprüht wird.

Auch in Hamburg wurde in den vergangenen Jahren mit flüssigen salzartigen Taumitteln experimentiert – in einer umfangreichen Studie zusammen mit der Technischen Universität Dresden. Ziel war es, ein Mittel zu finden, das Schnee und Eis auf Radwegen zwar schmelzen lässt, aber die Umwelt möglichst wenig belastet.

Seit einem Jahr liegen der Hamburger Umweltbehörde die Ergebnisse vor. Doch bis heute ist man dort kaum weiter und kann keine Zeitpläne nennen.

Dieses Bummeltempo ist nicht nur unverständlich, sondern für einen Senat, der sich per Koalitionsvertrag das Wort „Fahrradstadt“ auf die Fahnen geschrieben hat, auch blamabel.

Lesen Sie in unseren Hintergrundbericht die Gründe, warum die Suche nach alternativen Streumitteln für Hamburger Radwegen seit Jahren kaum vorankommt und wie der weitere Fahrplan aussieht.

Hat Sie der Artikel weitergebracht?

Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

Auch interessant

So könnte die neue S-Bahn-Haltestelle des Verbindungsbahnentlastungstunnels am Hamburger Hauptbahnhof aussehen.

S-Bahn am Jungfernstieg jahrelang teilgesperrt? Senat ohne Lösungsvorschlag

Noch gibt es keinen Plan, wie die drohende 6,5 Jahre lange Teilsperrung der S-Bahn-Strecke zwischen Jungfernstieg und Hauptbahnhof aufgefangen werden könnte, falls der geplante zweite S-Bahn-Tunnel in der Innenstadt tatsächlich gebaut wird. Deswegen hält der Senat eine Kostenprognose zum Tunnel unter Verschluss und aus diesem Grund könnte ein hoher Preis auch für die U5 zu einem Problem werden.

Dreck, spärliches Licht, Graffiti und verbaute Ecken: Eingang zu einer U-Bahn-Station im Herzen Hamburgs. Ein gruseliger Ort.

Das sind die zwei traurigsten U- und S-Bahnhöfe im Herzen Hamburgs

Nackte Betondecken, herunterhängende Kabel, vollgesprayte Wände und Urin-Gestank: Mitten im Herzen Hamburgs gibt es zwei Tunnelbahnhöfe und Zugänge, die einen außergewöhnlich trostlosen Eindruck machen. Fotostrecke: So sieht es dort aus, das sagen die Verantwortlichen dazu und deswegen ist das für die Verkehrswende ein Problem.

Die letzten Züge der Hamburger U-Bahn-Baureihe DT3 haben sich am vergangenen Freitag in den Ruhestand verabschiedet. Im Sommer 2012 waren sie noch massenhaft auf der U3 unterwegs.

Adieu, DT3: Leiser Abschied von einem Hamburger U-Bahn-Klassiker

Letzter Zug der alten U-Bahn-Baureihe DT3 ging am vergangenen Freitag völlig unbemerkt auf letzte Fahrt. Damit endete eine Ära. Die silber-roten Züge galten in den 1960er-Jahren als hochmodern – aber waren bei ihrem Bau eigentlich schon veraltet. Der Grund war ein Sonderwunsch der Hochbahn. Deswegen kam es jetzt zu dem plötzlichen Ende.

2 Antworten auf „Winterdienst in Hamburg: Für eine Fahrradstadt blamabel“

Die wichtigsten Radwege müssen umgehend geräumt werden, das gilt besodners für die Velorouten und die hochfrequentierten Bestandsradwege längs wichtiger Straßen. In Belrin scheint das zu funktionrien. Dort wird i.d.R. auch kein SAlz gestreut sondern der scharfkantige Belriner Split, der doch für eine einigermaßen gute Griffigkeit sorgt. In Hamburg werden selbst dierAdwege, die nur von den großen Straßen abmarkeirt sind nicht abgesgtreut oder gefegt. irgenwie scheint in Hamburg kein Konzept zu exisitern, wie die Radwege bei Schneefall frei zu bekommen sind. Aber das gilt auch in der Harbstsaison mit Laubfall, wo Radwege äußerst stiefmütterlich behandelt werden. Aber der Herr Senator hat ja eine wohltemperierte Dienstlimousine mit Fahrer, dann können ihm die Radwege im Winter auch egal sein.

Es müssen wie immer Prioritäten gesetzt werden. Das Fahrrad ist in erster Linie ein Schönwetterverkehrsmittel und wird im Winter somit sehr viel seltener genutzt als in der übrigen Jahreszeit. Bei Eis und Schnee steigt kaum jemand auf den Drahtesel. Da ist es wichtiger, dass der Busverkehr reibungslos läuft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert