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Reaktion auf HVV-App-Mängel: Handarbeit statt Digitalisierung

Weil die HVV-App Verspätungen und Ausfälle bis heute nur lückenhaft meldet, hat der Kreis Herzogtum Lauenburg jetzt selbst die Initiative ergriffen und eine App programmiert. Statt digitaler Vernetzung setzt sie auf Handarbeit. Interview mit dem Verantwortlichen über eine eigenwillige, aber schnelle Problemlösung für Fahrgäste.
Christian Hinkelmann
Sieht digital aus – funktioniert aber mit viel Handarbeit: Eine neue Störungs-App im HVV.
Sieht digital aus – funktioniert aber mit viel Handarbeit: Eine neue Störungs-App im HVV.
Foto: Christian Hinkelmann

Wenn ein Zug oder Bus in Hamburg und Umland Verspätung hat oder ausfällt, sollte die HVV-App dies eigentlich live anzeigen. So viel zur Theorie.

Doch die Realität sieht anders aus: Immer wieder kommt es vor, dass Echtzeitdaten nur lückenhaft an die App übermittelt werden und deswegen dort Fahrten auftauchen, die eigentlich ausfallen. Einige der insgesamt 28 Verkehrsunternehmen im HVV liefern sogar gar keine Echtzeitdaten an die HVV-App. Dabei handelt es sich hauptsächlich um kleinere Busunternehmen im Hamburger Umland. Sie heißen Nahbus, Holstenexpress, Rathje oder Die Linie. Aber auch die Hafenfähren der HADAG liefern bis heute keine Livedaten.

Eine frustrierende Situation für die Fahrgäste, die sich somit weder auf den Verkehr noch auf die Informationen zu 100 Prozent verlassen können.

Die Problematik spitzt sich aktuell besonders im Kreis Herzogtum Lauenburg zu, wo seit Monaten außergewöhnlich viele Busfahrten, vor allem im Schülerverkehr, ausfallen. Informationen zu diesen Ausfällen waren bisher rar oder schwierig zu finden.

Hauptsächlich betroffen von den Ausfällen ist das Busunternehmen Autokraft, das zur Deutschen Bahn gehört. Von den täglich geplanten 800 Fahrten im Kreis fallen durchschnittlich 50 bis 60 aus, was einer Ausfallquote von rund fünf Prozent entspricht, weiß Andrew Yomi, der im Kreis für den ÖPNV und die Schülerbeförderung zuständig ist. Normalerweise sei eine Quote von unter einem Prozent akzeptabel. Die Hauptgründe sind Personalmangel, abgesprungene Subunternehmer, schlechtes Wetter, Streiks und hohe Krankenstände.

Angesichts dieser chronischen Probleme und der lückenhaften Echtzeitinformationen in der HVV-App hat der Kreis jetzt selbst die Initiative ergriffen und eine eigene Linienticker-App entwickelt. Im Gegensatz zur vollautomatischen HVV-Echtzeitauskunft setzt diese App im Hintergrund auf Handarbeit.

Im NAHVERKEHR HAMBURG-Interview erklärt Andrew Yomi, warum er diese Parallelentwicklung für nötig hält, wie die App im Detail funktioniert und aus welch profanem Grund die Busse auf dem platten Land manchmal gar keine automatischen Livedaten liefern können.

NAHVERKEHR HAMBURG: Herr Yomi, was waren die Beweggründe für diese App, die offenbar das tut, was eigentlich die HVV-App leisten sollte?

Andrew Yomi: Wir haben beim öffentlichen Nahverkehr bei uns im Kreis aktuell ein Verlässlichkeitsproblem. Das ist uns bewusst und es ist für unsere Fahrgäste sehr ärgerlich – vor allem, weil wir viele ländliche Gebiete haben, in denen die Busse ohnehin nur selten fahren. Halbstundentakte und Stundentakte sind dort die Regel. Wenn da Fahrten ausfallen, kann das Warten an den Haltestellen ohne entsprechende Informationen sehr frustrierend sein – vor allem bei dem Winterwetter. Und weil wir bei uns im Kreis viel Schülerverkehr haben, sind von den Ausfällen auch zahlreiche Kinder betroffen, deren Eltern beispielsweise schon zur Arbeit gefahren sind, und die an der Bushaltestelle vergeblich auf den Bus zur Schule warten. Sie können sich vorstellen, für wie viel Unmut das in Familien und Schulen sorgt, den natürlich zuerst die Verkehrsunternehmen, aber auc…

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Der Kopf hinter diesem Artikel

Christian Hinkelmann ist begeisterter Bahnfahrer und liebt sein Fahrrad. Wenn er hier gerade keine neue Recherchen über nachhaltige Mobilität veröffentlicht, ist der Journalist und Herausgeber von NAHVERKEHR HAMBURG am liebsten unterwegs und fotografiert Züge.

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5 Antworten auf „Reaktion auf HVV-App-Mängel: Handarbeit statt Digitalisierung“

Mein Lieblingssatz: „Die VHH selbst, als größeres Unternehmen mit strikteren Strukturen, zögerte dagegen etwas. Neben dem befürchteten Mehraufwand ging man dort auch davon aus, schon Echtzeitdaten zu liefern. Letztlich hat man dort dann aber festgestellt, dass diese Daten in der HVV-App gar nicht so richtig angezeigt werden.“

Hut ab vor dem Pragmatismus. Aber wiederum traurig, dass das überhaupt notwendig ist, sowohl im Sinne der ausfallenden Fahrten als auch den nicht funktionieren automatischen Echtzeitinformationen.

Ich bin überrascht und verstehe nicht wirklich, weshalb die Echtzeiterfassung fahrender Busse nicht auch per Smartphone und einer entsprechenden Software („App“) möglich sein sollte? Das dies nur per Bordrechner ginge, klingt sehr nach den 90ern. Jeder Fahrer hat doch ein Smartphone an Bord, oder etwa nicht? Oder ist die Busbranche wirklich noch nicht so weit? Und die Netzabdeckung auf dem Land ist zwar nicht überall ideal, aber so katastrophal nun auch wieder nicht, dass man damit nicht das Gros des Verkehrs abdecken könnte.

ich bin in der IT Sofware Industrie beschäftigt und habe den Vergleich UK und Deutschland.
Ohne hier natürlich die Einzelheiten zu wissen:
Da geht es mutmaßlich um Fragen wie „Sicherheit in der cloud“ (weil solch ein System funktioniert nur in der cloud), Data Centre und Infrastrukturverantwortliche (berüchtigte Bremser bei der Digitalisierung), dann die Datenschutzbedenkenträger, die den Sinn des Datenschutzes nicht begreifen, dann haben viele Unternehmen ihre IT aus Kostengründen outgesourct (und welche Folgen das hat, dazu sehen Sie sich mal die Web- und Apps Auftritte internationaler Fluggesellschaften an. ). So sehr ich das Engagement positiv finde, das hier das Kreis Herzogtum Lauenburg betreibt, eigentlich zeigt es auch, daß die Vorteile der Digitalisierung bei der Hochbahn überhaupt nicht verstanden geschweige den vorangetrieben werden.

Die Busbranche ist bei weitem nicht so weit. In meinem Busunternehmen gibt es keine Smartphones. Die nicht zuverlässig funktionierende Echtzeit muss über die Bordrechner abgewickelt werden. Anschlussinformationen samt Echtzeit sind hier aber dennoch nicht hinterlegt. Umläufe und Dienste werden per Hand mit Stift und Zettel geplant. Mails werden ausgedruckt. Immerhin können wir nach ewig langer Zeit endlich 49€-Tickets scannen. Wir konnten vorher nicht mal unsere eigenen scannen. ÖPNV-Unternehmen sind tlw. ziemlich rückständig.

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